Eine kleine Reise zur Zuversicht

…mit Rudolf Steiner, Meister Yoda und den Rolling Stones

In einem Dorf in China besaß ein einziger Bauer ein Pferd. Die anderen Leute sagten: „So ein schönes Pferd, hat der ein Glück!“ Der Bauer antwortete: „Wer weiß.“ Eines Tages lief das Pferd davon. Die Leute bedauerten den Bauern: „Jetzt hat er kein Pferd mehr, der Arme.“ Der Bauer murmelte nur: „Wer weiß.“

Wenige Tage später kehrte das Pferd mit einer wunderschönen wilden Stute aus den Bergen auf seine Koppel zurück, und die Leute waren neidisch: „Was hat der doch für ein Glück.“ Der Bauer sagte nur: „Wer weiß.“

Als sein einziger Sohn auf dem Pferd ritt, bäumte es sich auf, der Sohn stürzte und brach sich alle Knochen. „Der Arme“, sagten die Leute, „er wird nie wieder gehen können.“ Der Bauer sagte nur: „Wer weiß.“

Bald darauf kamen Soldaten, holten alle jungen Männer in den Krieg; sie kamen nie wieder. Der Sohn des Bauern blieb. So mancher sagte: „Was hat der für ein Glück!“ Der Bauer murmelte nur: „Wer weiß.“

Zuversicht: ein seltsames Wort. Zu-ver-sicht. Zwei Vorsilben, „zu“ und „ver“. Zu-Sicht und Ver-Sicht also? Wem sehen wir da zu? Welches Versehen passiert? Das Wort bedeutet doch etwas ganz anderes! Stimmt: Die Gebrüder Grimm führen es in ihrem etymologischen Wörterbuch auf die Wendung „sich zu jemandem versehen“ zurück. Das bedeutete zu ihrer Zeit: „auf jemanden vertrauen“. In Zuversicht steckt also Vertrauen. Auf wen, auf was?

Wie zuversichtlich wir durch das Leben gehen, hat sehr viel damit zu tun, wie wir aufgewachsen sind, sagen Psychologen. Haben unsere Eltern uns Liebe und Halt gegeben, uns das Gefühl entwickeln lassen, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben? In einer solchen famililären Geborgenheit wächst genau das Vertrauen, das in der Zuversicht steckt – das Urvertrauen: Selbstvertrauen, das Vertrauen in andere, in Partnerschaft und Gemeinschaft und damit auch das Vertrauen in die Welt, in das Leben, das Universum und den ganzen Rest.

Für Rudolf Steiner ist das Vertrauen der Menschen in sich selbst und in die anderen die Basis jeder Gemeinschaft; ohne dieses Vertrauen herrscht Egoismus. Er meint allerdings nicht blindes Vertrauen, sondern eines, das aus von Liebe getragener Menschenerkenntnis entsteht.

Die medizinische Wissenschaft untersucht schon lange, wie Krankheiten entstehen („Pathogenese“). Erst seit kurzem will sie auch wissen, was Gesundheit erhält („Salutogenese“) und warum manche Menschen gesund bleiben, wo andere erkranken. „Resilienz“ nennt sich die Widerstandskraft gegen psychische und physische Krankheiten. Welche „Resilienzfaktoren“ sie am besten stärken, sehen Wissenschaftler unterschiedlich, aber die Zuversicht haben sie fast alle weit oben auf der Liste.

Wer schon mit einer ordentlichen Portion dieses Urvertrauens aus der Kindheit erwachsen ist, hat also Glück gehabt. Gerade weil es eine so grundlegende Haltung ist, ist es nur schwer zu erschüttern, selbst durch heftige Krisen. Denn die Zuversicht ist oft eine sich selbst erfüllende Prophezeihung: Wer darauf vertraut, dass es Auswege aus der Not gibt, wird sie leichter finden. Wer auf die Hilfe anderer vertraut, wird sie leichter annehmen. Und wer darauf vertraut, dass noch die größte Not vorbeigeht, wird sie besser überstehen.

Für alle, deren Zuversicht manchmal wackelt – und das dürften sie meisten sein – gibt es eine ganze Reihe von wissenschaftlich erprobten Techniken, um sie zu stützen. Eine besteht darin, sich eine erhoffte Zukunftssituation möglichst detailliert und plastisch vorzustellen, sie mit Bildern und Emotionen anzureichern. Eine andere ersetzt pessimistische, oft fatalistische Denkmuster durch hilfreiche, das heißt zum Beispiel, nach einer vergeigten Prüfung statt dem Impuls „ich bin dafür zu dumm, ich schaffe das nie“ zu denken „beim nächsten Mal werde ich besser vorbereitet sein“. Manchen Menschen hilft auch, sich mit „defensivem Pessimismus“ alle nur denkbaren Hindernisse auf dem Weg zu einem Ziel konkret vorzustellen, um sich dann zu überlegen, wie sie zu überwinden sind, statt in verschwommener Angst zu erstarren.

Denn leider neigen wir dazu, uns nicht nur auf Probleme zu konzentrieren, die wir bewältigen können. Wir verbrauchen noch mehr Energie damit, immer wieder um Ungelöstes zu kreisen. Das geht bis hinein in unsere Biochemie: Düstere Gedanken führen dazu, dass in unserem Nervensystem Botenstoffe ausgeschüttet werden, die unserem Immunsystem schaden – und wir werden krank. Hüte dich vor der dunklen Seite der Macht, würde Meister Yoda aus Star Wars sagen.

Auf dem wissenschaftlichen Humus blühen auch fragwürdige Blüten. Mag sein, dass Ratgeber mit Ausrufezeichen-Buchtiteln: „Sorge Dich nicht – lebe!“ oder „Optimismus ist Pflicht!“ manchen Menschen nutzen, vielen dürften sie schaden. Aufgesetzter Optimismus, das erzwungene Vermeiden negativer Gedanken können krank machen, weil wir etwas in uns wegdrücken, mit dem wir uns beschäftigen müssten. Wenn wir dunkle Gestalten in den Keller unseres Bewusstseins verbannen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie größer und böser die Treppe heraufpoltern und mit Gewalt unsere Aufmerksamkeit fordern.

In der krampfhaften Selbstoptimierung versteckt sich zudem eine böse Falle: Wenn wir selbst beeinflussen können, wie gut es uns psychisch, physisch und womöglich auch materiell geht, ist selber schuld, wer es nicht hinbekommt. Hilfe ist überflüssig. Wer nicht vorwärts kommt, denkt halt nicht „positiv“ genug. Für Menschen, denen es ohnehin an Selbstvertrauen fehlt, ist das dann nur die Bestätigung ihrer negativen Selbstsicht – ein Teufelskreis.

Dabei ist es gar nicht so schwer, das eigene Gemüt aufzuhellen, ohne sich selbst zu belügen. Oft merken wir einfach gar nicht, wie viel Gutes in unserem Leben passiert, weil wir es schnell abhaken, um uns dem nächsten Problem zuzuwenden. Der Buddhist und Neuropsychologe Rick Hanson empfiehlt, einfach länger bei den glücklichen Momenten zu verweilen, sich zum Beispiel abends vorm Einschlafen gezielt an sie zu erinnern. Auch Steiner empfiehlt die Tagesrückschau als wichtige Übung auf dem Weg zur Selbsterziehung, die unter anderem Selbstvertrauen und Gelassenheit bringt.

Die britische Regierung hat von einem renommierten Think Tank „Fünf Wege zum Wohlbefinden“ entwickeln lassen. Mit viel Werbemitteln bringt sie fünf Ratschläge unter die Menschen, die die Zuversicht und damit die Resilienz stärken sollen – wohl auch, um dem staatlichen Gesundheitssystem Ausgaben zu ersparen. Sie sind so herrlich banal, dass sie genial sein müssen: „Suche Gemeinschaft“, „Bewege dich“, „Sei neugierig und achtsam“, „Höre nie auf zu lernen“ und „Tu etwas für andere“. Hätte man eigentlich ohne Denkfabrik drauf kommen sollen.

Der Duden definiert Zuversicht als „der feste Glaube, dass die Zukunft Gutes bringt“. Das aber ist eher das schlichtere Konzept des Optimismus. Der Optimist geht immer vom Bestmöglichen aus, vom Optimum, während der Pessimist das Schlimmste befürchtet. Dabei sollten beide mit ein bisschen Lebenserfahrung längst gemerkt haben: Beides ist unrealistisch. You win some, you lose some, sagt ein englisches Sprichwort, mal gewinnste, mal verlierste. Und oft, lehrt uns der chinesische Bauer, weißte erst viel später, was Glück war und was Pech.

In der Zuversicht klingt mehr Weisheit mit: das Wissen, dass die Zukunft Gutes ebenso bereit hält wie Schlechtes, dass sich Gutes in Schlechtes verwandeln kann und umgekehrt. Und damit auch das Vertrauen darauf, dass zwischen allem Ärger und allen Sorgen immer wieder Glück und Freude glänzen. Für gläubige oder spirituelle Menschen kann das Gottvertrauen sein, Schicksal oder die kosmische Ordnung. Es lässt sich aber auch ganz weltlich mit den Rolling Stones sagen: Du kannst nicht immer bekommen was du willst, aber wenn du es mal versuchst, wirst du vielleicht merken, dass du bekommst, was du brauchst.