Die Tarnfarben der Nacht

Dieser Text entstand im Oktober 2016 in der Nacht, in der die Uhren umgestellt wurden, für das hof-heft zum Thema „Nacht“. In der Nacht vom Samstag, 24. Oktober, ist es 2020 wieder so weit.

Wir haben die Nacht nicht gefunden. Wir haben sie in den Gassen von Niederursel und zwischen den Hochhäusern der Nordweststadt gesucht, auf den Wiesen des Urselbachtals und sogar auf dem Friedhof. Aber sie hat sich zu gut versteckt.

Es war die Stunde, die es doppelt gab: zwei Uhr in jener Samstagnacht, in der die Uhren von Sommer- auf natürliche Zeit zurückgedreht wurden. Wir sind um zwei Uhr losgegangen und um zwei Uhr zurückgekommen. Wir haben neun Menschen gesehen, einen Hund, viele Autos und ein paar Katzen. Sie waren alle grau.

Erster Gedanke: „Ist hier immer so ein Krach?“ Die Autobahn rauscht in Wasserfalllautstärke. Das mag an der Windrichtung liegen, aber sicher auch daran, dass es um diese Zeit so still ist in einem Viertel, wo es keine Nachtkneipen gibt. Die Antwort ist also: Der Krach ist tagsüber so viel stärker, dass die Autobahn untergeht. Auch um unsere Füße rauscht es, trockenes Herbstlaub.

Vor einem erleuchteten Hochhaus-Eingang raucht ein polnisches Paar eine Zigarette. Hinter erstaunlich vielen Fenstern der Nordweststadtblocks ist Licht. Viele flackern fernsehschirmblau, andere leselampengelb. Kalt ist es und feucht. Der orangefarbene Schein der Straßenlaternen erhellt oktoberrote Efeuranken an Betonwänden.

Wir gehen über eine Fußgängerbrücke. Unten führt eine ältere Dame ihren dicklichen Hund Gassi. Er trägt ein neonglimmendes Halsband. Wen von den beiden treibt die Schlaflosigkeit aus dem Haus? Am Ende einer Sackgasse, im Wendehammer am Feldrand, protzen zwei aufgemotzte schwarze Sportlimousinen. Zwei junge Prachtkerle stehen vor den Motorhauben. Imponiergehabe kennt keine Nachtruhe.

Einige Dutzend Meter legen wir mit geschlossenen Augen zurück, zwischen den Feldern am Stadtrand. Aber auch so rückt die Nacht nicht näher, nur die Geräusche werden lauter. Auf dem Friedhof funzelt ein Mosaik aus roten und gelbe Punkten: Grablichter, kurz vor Allerheiligen.

Die Geisterstunde ist vorbei. Einst war die Nacht das Refugium der Wesen aus einer anderen Welt, der Nachtmahre, Dämonen und ruhelosen Seelen. Im Dunkeln lauerte das Unbekannte, der Alb, der Träumende in verbotene Gefilde führte. Des Nachts wurden Menschen zu Wölfen und Vampiren. Die Stadtnacht birgt solche Schrecken nicht.

Vor dem Sportplatz grelles gelbes Licht. Einige Autos parken vor dem Vereinsheim; da liegt wohl ein Fest in seinen letzten Zügen. Kräne grüßen mit beleuchteten Logos vom Riedberg. Am Himmel hängt der Widerschein der ganzen Stadt. Dunkel wird es hier nie.

Wir flüchten uns in einen Garten am Urselbach. Büsche und Bäume schirmen mit Mühe das Kunstlicht ab. Das Gluckern und Gurgeln des Wassers übertönt die A5. Die Augen stellen sich um, der Garten wirkt heller, Details werden sichtbar. Wir erinnern uns an den Biologieunterricht: Die Stäbchen im Auge, die nur Hell und Dunkel unterscheiden können, übernehmen von den Zäpfchen, die auch Farben wahrnehmen. Daher die nächtlich grauen Katzen.

Im Garten reden wir von echten Nächten, auf dem Land, im Wald. Auch da ist es selten wirklich dunkel: Selbst durch Wolken erhellt der Mond die Welt, und bei Neumond strahlen Sterne. Bilden wir uns nur ein, dass Mond- und Sternenlicht uns freundlicher gesonnen sind als das kränkliche Schimmern am Stadthimmel? Sternschnuppen oder die Milchstraße bekommen wir nur auf Reisen zu sehen.

Deutsche Nächte, sagen Wissenschaftler, werden jedes Jahr sechs Prozent heller. Lichtsmog verändert das Wachstum von Pflanzen und die Lebensräume von Tieren. Dass der Tag-Nacht-Rhythmus der Menschen nicht mehr im jahreszeitlichen Hell-Dunkel-Takt schwingt, halten Forscher für eine Ursache von Winterdepressionen. Wir machen die Nacht zum Tag, und sie rächt sich dafür.

Als wir am U-Bahn-Gleis entlang zurückgehen, brechen vor uns fünf junge Leute aus den Büschen. Sie sind wohl auf dem Weg zu oder von einer Party. Auch das ist Nacht: Tanz und Rausch und Sinneslust. Ein lauteres Loslassen als das, welches in Schlaf und Traum geschieht. Eine Beschwörung des Lebendigen, gerade in den Stunden, die auch mit dem Tod assoziiert sind.

In den Fachwerkhäusern im Ortskern sind nur wenige Fenster hell, anders als in den Wohnblocks der Nordweststadt. Aber an manchen springen Strahler an, wenn man vorbeigeht, aus Angst vor Übeltätern. Auch die großen Fenster der nachts geschlossenen Bankautomatenfiliale sind hell erleuchtet.

Am Ende der Runde meldet sich Hunger zu ungewohnter Stunde: Der Rhythmus ist durcheinander. Obwohl die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit uns eine Stunde Schlaf schenkt, schleppen wir uns müde durch den nächsten Tag. Die Ruhe fehlt. Es gibt viele Menschen, deren Leben regelmäßig von Nachtschichten, Früh- oder Spätdienste verwirbelt wird. Vielleicht gewöhnt man sich daran.

„Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farben der Nacht?“, fragt Novalis in seinen „Hymnen an die Nacht“. Doch welche Farben trägt die Nacht? Für uns trug sie Tarnfarben. Wir haben sie nicht gefunden.

Volker Schmidt