Baumische Gefühle Erfahrungen mit den vier Naturreichen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des hofes haben sich bei einer Klausur in den Vogesen unter anderem mit dem Themenfeld Mensch, Natur und Nachhaltigkeit befasst und sich anthroposophischen Grundlagen genähert. In einer gemeinsamen Übung haben sie dabei auch die Qualitäten der Naturreiche erkundet, also von Mineral-, Pflanzen-, Tier- und Menschenreich: In vier Gruppen gemischten Alters schwärmten sie aus in die Natur, um sich in ihrer Wahrnehmung auf jeweils ein Naturreich konzentrieren mit dem Ziel, ihre Erfahrungen später den anderen bildlich darzustellen.

 

Stefan (Pflanzen): Wir sind in die Natur hinausgestürmt und kamen auf eine Wiese an einem steilen Hang. Zuerst haben wir Blätter studiert und eine große Vielfalt entdeckt. Die erste Idee war, sie zu sortieren, vielleicht farblich, eine Ordnung zu versuchen. Wir sind also sehr menschlich-verkopft an die Sache herangegangen. Und wir haben über Lebendigkeit und Lebenskraft diskutiert und die Verbindung zum Element des Wassers. Anders als bei Emotionen, die individuell und subjektiv sind, ist es eine universelle Kraft.

Aber es ging nicht darum, über theoretische Begriffe zu sprechen – das tun wir in der Anthroposophie dauernd –, sondern etwas zu erspüren, zu erleben. Deshalb haben wir uns – jeder für sich – mit geschlossenen Augen hingestellt und darauf konzentriert, wie es sich anfühlt, mitten in der Natur auf der Wiese zu stehen. Ich habe mich auf die Füße konzentriert, auf meine Verwurzelung, und mich gereckt, um in den Raum hinein zu spüren. Ich wollte mich baumisch fühlen.

Verwurzelt zu sein bedeutet auch, nicht weg zu können. Ich habe aber zugleich eine unglaubliche Weite um mich herum gespürt, eine Verbundenheit. Ich war gar nicht in mir beschränkt, sondern mit etwas Endlosem verwoben. Ein wenig wie eine Antenne, die in den Kosmos spürt. Als Menschen sind wir immer nach vorn fokussiert, wo unsere Augen sitzen; als Baum habe ich rundherum um mich gelauscht. Das hatte auch etwas von Hingabe, an Wind und Wetter und Vögel.

Jeder von uns hat sich einen Baum als Partner gesucht und versucht, in den Dialog zu gehen. Ich hatte einen Ahorn an der Straße gewählt und versucht, ob ich eine Energie spüren kann. Mein Eindruck war, dass ich einen Widerstand fühlen konnte, etwas Kompaktes, etwa eineinhalb Meter um den Baum. Ich habe mich eine Weile einfach angelehnt und die Stärke genossen.

Es gab sehr unterschiedliche Begegnungen, mit alten, kranken, zerbrochenen, aber auch mit frischen, starken Bäumen. Alle haben die Begegnung als starke Erfahrung empfunden, als Annäherung an eine urwüchsige Kraft. Einer aus der Gruppe hat berichtet, er habe sich „seinem“ Baum wohl zu ungestüm genähert und das Gefühl bekommen, in einen Raum einzudringen, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben. Er hat das dann innerlich nachgeholt und sich respektvoll angenähert.

Diese Szene haben wir für die anderen Gruppen dargestellt: Einer war der Eindringling, der freche Mensch, die anderen das Baumwesen. Die anderen Gruppen haben sofort verstanden, was gemeint war – vielleicht, weil es eine Erfahrung ist, die viele schon einmal, wenn auch wohl unbewusst, selbst gemacht haben.

Sandra (Tiere): Als erstes ist uns ein Käfer begegnet, den wir länger beobachtet haben, dann trafen wir Kühe auf der Weide. Käfer und Kuh – was haben die eigentlich gemeinsam? Was ist das spezifisch Tierische? Auch in dem, was sie in uns auslösen? Wir kamen dann darauf, dass es mit Tieren eine echte Begegnung gibt: Ein Stein löst vielleicht etwas in mir aus, auf das ich reagieren kann, aber bei der Kuh kommt auch etwas zurück.

Wir haben einander von Begegnungen mit Tieren erzählt, die wir beeindruckend fanden. Bei Hühnern zum Beispiel merkt man nach einer Weile, wie sozial sie sind, dass sie bestimmte Rhythmen und Strukturen haben. Uns sind auch viele Sprichwörter eingefallen, die mit Tieren zu tun haben. Wir haben uns gefragt, warum immer von der „dummen Kuh“ die Rede ist, obwohl Kühe recht intelligente Tiere sind. So haben wir uns dem Thema angenähert.

Wir haben uns überlegt, einfach zwei unterschiedliche Tierarten darzustellen: Hühner und Kühe. Beide leben in einer Gemeinschaft, sind aber in ihren Bewegungen, in ihrem Tempo total unterschiedlich – das Gemütliche der Kühe, das fast schon Hysterische der Hühner. Es ist faszinierend, wie man da hineinkommt: erst in dieses Aufgeregte, mit Aufplustern und Eierlegen. Dann haben wir uns auf die Stange gesetzt und sind zusammen eingeschlafen, bis der Hahn gekräht hat.

Nun waren wir alle Kühe, sind über die Weide getrabt und haben gefressen, verdaut, wiedergekäut, uns ein bisschen geschubbert. Es war nett so als Kuh, bei den anderen in der Herde zu sein, mal den Kopf auf einen Rücken legen… Alles sehr gemächlich. Als Huhn war ich aufgeregter, da hat mich alles sehr erschreckt, was von außen kam. Es wäre gut, wenn man das abrufen könnte: in den Kuh-Modus schalten, indem man sich von nichts stören lässt, statt in der Huhn-Aufregung zu bleiben. Denn offenbar steckt beides in uns drin.

Wir haben uns aber auch gefragt, ob die Tiere wirklich diese Qualitäten haben oder wir ihr Verhalten nur als Menschen so interpretieren. Diesen ganzen Prozess des Kauens und Wiederkäuens, diese Gründlichkeit, die sehen wir als Bei-Sich-Sein, das Scharren und Suchen des Huhns als Aufgeregtheit – aber vielleicht empfindet die Kuh sich selbst gar nicht als gemächlich und ruhig, und vielleicht ist das Huhn innerlich ganz bei sich?

Dirk (Menschen): Wir haben zuerst – im Rückblick sehr menschlich – lautstark unsere Ideen zum Menschsein geäußert. Das hat dazu geführt, dass wir gar nicht mehr wussten, wie wir anfangen sollten. Wir haben uns dann entschlossen, schweigend ein Stück zusammen zu gehen.

Es fiel uns nicht leicht, das Reden erst einmal zurückzustellen und still einen gemeinsamen Weg einzuschlagen, auf dem man sich Gedanken machen kann. Wir haben dann auch schon unterwegs begonnen, einander die Gedanken mitzuteilen, die uns kamen. Wir kamen darauf, dass das typisch Menschliche die Aufrichtung ist: aus dem Liegen in den Stand kommen.

Das haben wir den anderen schließlich pantomimisch vorgeführt. Andere Ideen von Teilnehmenden der Gruppe, was zum Menschlichen gehört, haben wir eingearbeitet: Wir haben uns also über einen längeren Zeitraum nach und nach aufgerichtet und dabei zum Beispiel Begegnungen zwischen Menschen dargestellt, etwas gelesen, etwas gesungen, Kulturtechniken also.

Im Nachhinein betrachtet war das eine runde Sache: Wir sind in unserem Prozess damit umgegangen, dass unterschiedliche Mitglieder der Gruppe unterschiedliche Vorstellungen hatten, auch unterschiedlich schnell Ideen entwickelt haben; das war durchaus konflikthaft. Aber wir haben uns am Ende alle auf die gemeinsame Performance eingelassen. Obwohl wir sehr wenig abgesprochen hatten, hat es funktioniert. Ich war überrascht, wie gut wir das als Gruppe hinbekommen haben.

Fasziniert haben mich aber auch die Vorführungen der anderen: Ohne viele Erklärungen haben wir verstanden, was sie dargestellt haben. Die Tiergruppe etwa hat Hühner und Kühe einfach verkörpert, und wir anderen wussten sofort, um was es geht.

 

Ulrike (Mineralreich): Mit Pflanzen im Garten trete ich öfter in Beziehung, aber ich hatte mich noch nie intensiv mit einem Stein auseinandergesetzt. Wir sind in unserer Gruppe jeder für sich losgezogen. Ich ging den Berg hoch in den Wald hinein und habe nach Steinen geschaut, die mir irgendwie gefallen, die mir besonders erscheinen. Einen habe ich in die Hand genommen, genau angeschaut, die harte, kühle Oberfläche befühlt. Er war eher rund, aber nicht ganz wie ein Kiesel; er hatte auch Kanten.

Dass ich mir einfach die Zeit genommen habe, mit einem Stein in Kontakt zu treten, hat etwas unheimlich Intensives in mir ausgelöst, eine Ruhe, Tiefe, Entspanntheit. Ich habe den Qualitäten des Steins nachgespürt und sie in mir wiedergefunden, die Festigkeit zum Beispiel als Standhaftigkeit.

Auch eine große zeitliche Dimension tat sich auf: Wo kommt dieser Stein her? Seit wann gibt es ihn? Wie hat er sich gebildet? Es war ein Moment von Unendlichkeit: Dieser Stein musste seit Hunderttausenden Jahren hier oder zumindest in dieser Gegend liegen. Ich spürte, dass im Wesen des Steins diese Zeitdauer steckt. Das hatte auch etwas sehr Tröstliches: der Mensch, der erst seit einem Flügelschlag auf der Erde lebt, und die Natur, die es schon so viel länger gibt. Sie wird uns auf jeden Fall überdauern.

Ich habe die Begegnung mit dem Stein nicht so erlebt, dass mir gegenüber tote Materie war und ich etwas darauf projiziert habe. Da war schon eine Wechselwirkung, mir kam etwas entgegen, das bei mir etwas hat anklingen lassen. Weniger intellektuell, mehr auf der Gefühlsebene. Das war sehr beeindruckend.

Die anderen in der Gruppe haben von ähnlich intensiven Erlebnissen berichtet, und das Thema Zeit spielte bei allen eine große Rolle. Wir haben unsere Steine mitgenommen und den Mitgliedern der anderen Gruppen in die Hand gegeben, um sie unsere Erlebnisse nachfühlen zu lassen. Ich gehe seitdem auf Spaziergängen oft gezielt zu Orten, wo es besondere Steine gibt, und bringe manchmal welche mit nach Hause in den Garten.