Die mittelmäßige Krone der Schöpfung Von Menschen, Wölfen und anderen Tieren

 

Die Bibel erzählt die Schöpfungsgeschichte in zwei Versionen. In der bekannteren erschafft Gott Tag und Nacht, Firmament, Festland und Pflanzen, Sonne, Mond und Sterne, die Tiere des Wassers und der Luft – und erst am sechsten Tag Landtiere und zuletzt die Menschen als Krone der Schöpfung.

Dann folgt aber eine ganz andere Fassung: Gott erweckt auf einer noch leeren Erde zunächst den Menschen „aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“. Erst danach pflanzt er den Garten Eden, lässt Bäume wachsen und erschafft die Tiere, denn „es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“. Leider scheitert der Schöpfer: „Der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.“ Wenig später plant der Allmächtige wegen der Bosheit des Menschen gar die Zerstörung der gesamten Schöpfung: „Ich will die Menschen, die ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.“

Auch Rudolf Steiner ist – wie die zweite Schöpfungs-Version der Bibel – der Ansicht, dass der Mensch vor den Tieren da war: „Das gesamte Tierreich war einstmals im Menschen darinnen, das heißt der Mensch stand auf einer Stufe zwischen dem heutigen Tierreich und Menschenreich. Um sich weiter entwickeln zu können, musste er die Teile aus sich ausscheiden, die seine Entwickelung nicht mitmachen konnten.“

Steiner stellt diese Betrachtungen im Zusammenhang mit den Sternzeichen an, die seit alters her auch Tierkreis genannt werden: „Als nun die Löwen ausgeschieden wurden, da nannte man das Sternbild, in dem die Sonne stand, Löwe, und als der Mensch die Stiernatur ausschied, nannte man das Sternbild Stier.“ Die Astrologie verbindet mit diesen Zeichen (die allerdings nur zur Hälfte Tiere sind) zwölf Kräfte, die zusammen mit der Sonne und den Planeten auf Erde und Mensch wirken.Wir Menschen schreiben den Tierarten gern menschliche Eigenschaften zu: grausame Hyänen, sanfte Lämmer, majestätische Löwen. In Fabeln und Märchen ist der Fuchs immer schlau, die Elster diebisch. Fabeln, Bibel, Steiner und die Astrologie – sie beschreiben im Kern dasselbe: Die äußere Vielfalt der Tiere spiegelt die innere Vielfalt des Menschen.

Der Mensch ist jung. Leben gibt es, sagen Paläontologen, seit rund vier Milliarden Jahren auf der Erde, die ersten Tiere, Schwämme nämlich, entstanden vor mindestens 500 Millionen Jahren. Einer der ältesten Vertreter der Gattung, der Homo Rudolfensis (benannt nach einem Gewässer in Kenia), tauchte vor rund zwei Millionen Jahren auf, der archaische Homo Sapiens erst vor 200.000 bis 300.000 Jahren. Dieses neue Lebewesen vereint die Fähigkeiten vieler Tiere in sich. Mit Steiner gesprochen: „Der Mensch hat immer ein bisschen von allem.“ Unser Geruchssinn ist lächerlich neben dem eines Hundes, reicht aber aus, uns vor verdorbenen Nahrungsmitteln zu warnen. Unser Auge ist aus Sicht des Falken nur knapp über Maulwurf-Niveau, aber wir kommen zurecht. Wir können schwimmen, wenn auch unbeholfen, wir können klettern, wenn auch nicht wie die Affen, und wir können hopsen, wenn schon nicht fliegen.

Wir sind so erfolgreich im Wettbewerb um das Überleben, weil wir so wunderbar mittelmäßig sind. Dass wir so vieles ein bisschen können, hat uns als Art lang genug am Leben gehalten, bis wir unseren größten Trumpf ausspielen konnten: das Hirn. Seine Größe lässt uns einen Schwellkopf wachsen, der dazu führt, dass wir viel zu früh geboren werden; erst nach Jahren sind wir ohne Eltern lebensfähig. Dafür sind wir aber so schlau, dass wir Ferngläser erfinden, um wie der Falke blicken zu können, und Flugzeuge, um es den Vögeln gleichzutun.Unser Verstand ist es aber auch, der uns von den Tieren trennt. Als der Mensch den Tieren im Garten Eden in friedlicher Eintracht ihre Namen gab, lernte er an ihrer Vielfalt sich selbst kennen, seinen Leib und das breite Spektrum  seiner seelischen Möglichkeiten und Fähigkeiten. Er kam zur Erkenntnis seiner selbst. Nicht umsonst war es ein Tier, die betrügerische Schlange, die Adam und Eva zur Frucht vom Baum der Erkenntnis verführte. „Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren“, heißt es in der Bibel: Sie wurden zu Menschen im Unterschied zum Tier, das sich um seine Nacktheit nicht schert.

Seither entwickeln wir Menschen uns auf Kosten der Tiere immer weiter. Seit Jahrtausenden ertrotzen wir unseren Fortschritt gegen die wilde Natur, roden Wälder, dämmen Flüsse ein. Unser Hirn gibt uns die Macht und die Möglichkeiten dazu. Glücklich sind wir dabei nicht geworden. Im Prolog zum Faust spottet Mephistopheles über den Menschen: „Ein wenig besser würd er leben, / Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; / Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ Wir kommen aus dem Modus des Überlebenskampfes nicht heraus. Wir haben die Natur fast vollständig gezähmt und doch noch immer Angst vor ihr. Der Wolf aus den Sagen und Märchen personifiziert diese Angst vor einer Bedrohung, die – siehe Rotkäppchen – hinter jeder Wegbiegung lauert. Der Wolf mit seinem schaurigen Heulen, der Wolf aber auch mit seinem menschenähnlichen Sozialverhalten, seiner Fürsorge (man denke an Romulus und Remus) und seiner Teamfähigkeit. Als Werwolf ist er ein Gegenbild des Menschen, der Mr. Hyde zu unserem Dr. Jekyll, die dunkle Seite unserer Macht. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, schrieb Plautus.

Erst seit dem vergangenen Jahrhundert verbreitet sich die Erkenntnis, dass die Entfremdung von Mensch und Tier keine reine Erfolgsgeschichte ist. Es war ein Jahrhundert, in dem Menschen so tierisch mit anderen Menschen umgingen wie nie zuvor, in dem unser Gehirn Gaskammern und die Atombombe ersann und in dem die Natur so drastisch unter unserer Ausbreitung zu leiden begann, dass unsere eigene Existenz in Gefahr gerät. Jetzt erst haben wir gemerkt, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören. Endlich entwickeln wir nicht nur Werkzeuge, um zu „herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht“, wie es in der Bibel heißt. Sondern auch Methoden, um diese Schöpfung zu erhalten.

Eine erfreuliche Entwicklung ist, dass bestimmte Arten wieder in unsere Kulturlandschaft zurückkehren. Der Otter und der Biber, der Luchs – und der Wolf. Umgehend löst Isegrim, wie er in den Fabeln heißt, wieder massive Ängste aus; die Boulevardpresse fordert seinen Abschuss. Das zeigt: Wir haben das Verhältnis zu unseren tierischen Verwandten noch immer nicht wirklich geklärt. Um ihnen wieder so unbefangen begegnen zu können wie einst im Garten Eden muss der Mensch zuerst ein neues Verhältnis zu sich selbst finden, zu seinem eigenen Seelenleben. Erst, wenn wir das Tierische in uns erkennen und lernen, damit umzugehen, können wir wieder in einen Einklang mit der Natur kommen. Erst dann wird uns das Tier nicht mehr nur Feind oder Nahrungsquelle sein, sondern ein treuer Begleiter auf dem Weg zu uns selbst.

Von Volker Schmidt mit besonderem Dank an Stephan Stockmar