Ein Ort, der guttut

Verena Holly und Sandra Brinkmann to Broxten erkären die Schilasmühle

» Was entsteht da in der Schilasmühle?

V: Ein Ort für Kinder, aber auch für Erwachsene, an dem sie Natur und Tiere erleben können. Ein Ort,

der guttut, weil die Natur die Lebenskräfte stärkt. Ein Ort, an den man gern hingeht, sich wohlfühlt –

eine Heimat. Auch für Kinder, die in schwierigeren Umständen leben.

S: Kinder sollen sich selbst spüren und erleben und auch mal im Matsch wühlen können. Es soll ein

wohltuender Ort sein in dieser wunderbaren Niederurseler Bachaue, die sich geradezu dafür anbietet.

» Wie entstand diese Idee?

S: Die Mühle hat den Gedanken geweckt, dass hier ein Raum der Naturerfahrung und der Tiere

entstehen könnte. Denn am hof wird so vieles rund ums Kind angeboten, aber ein solcher Raum hat

noch gefehlt.

V: In Frankfurt gibt es Museen und den Zoo, aber Nutztiere sind kaum erlebbar. Es gibt weniger

Hühner oder Schafe oder Esel. Als es überall einen Bauernhof mit Tieren in der Nähe gab, war auch

der Jahreslauf präsenter: Immer wurde gepflügt, gesät, geerntet, weiterverarbeitet. Das bekommen

Kinder heute nicht mehr mit. Wo kommt etwas her, was muss ich dafür tun, wo kann ich selbst Hand

anlegen: Diese Zusammenhänge wollen wir vermitteln.

S: Es geht um sinnhafte Tätigkeiten in der Natur, die auch ein Ergebnis haben: Man mistet den Schafstall,

bringt den Mist auf den Misthaufen, später kommt er auf die Felder. Dort wachsen die Karotten,

die das Schaf wiederum zu fressen bekommt. Wenn wir es schaffen, solche Kreisläufe für Kinder

erlebbar zu machen, ist das eine tolle Erfahrung.

» Welche Rolle spielt dabei das Tier, mal abgesehen vom Mist?

V: Die Arbeit mit Tieren in der Pädagogik ist wunderbar vielfältig. Das Tier ist ein Gegenüber. Das

beginnt mit der Frage, wie nähere ich mich dem Tier, welche Signale sendet es mir, wie reagiert es

auf mich. Ich bekomme ein ganz schnelles Feedback: Wenn ich mich hektisch und ruckartig einem

Esel nähere, weicht er zurück. Dann merken Kinder schnell, dass sie sich vielleicht anders verhalten

müssen, als sie es gewohnt sind und erleben gleich den Unterschied.

S: Heute war ich ganz neidisch: Ein Mädchen, etwa zweite Klasse, ging in den Hühnerstall, und eine

Henne hat sich sofort auf ihren Schoß gesetzt – das hat die bei mir noch nie getan! Was hat dieses

Kind anders gemacht als ich? Und unser Esel, Hermine, hat wohl schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen

gemacht, aber je kleiner Menschen sind, je besser verträgt sie es und bleibt ruhig stehen.

Kinder haben also einen anderen Zugang.

» Welche Tiere sind am beliebtesten bei den Kindern?

S: Alle haben eine Tierart, mit der sie am liebsten umgehen. Manche suchen sich ein Tier, das ihnen

ähnlich ist, manche eher eines, bei dem sie spüren, dass es sie braucht, dass sie eine Eigenschaft

haben, mit der sie dem Tier helfen können. Manche sind mutig und übernehmen Verantwortung für

ein Tier, das ihnen etwas abverlangt; andere brauchen vielleicht selbst mehr Bestätigung.

V: Kinder haben ein Gespür dafür, was sie gerade brauchen. Und die Tiere spiegeln ihnen ihre

Emotionen. Sie bewerten nicht, sie nehmen die Kinder so, wie sie sind. Sie sind nicht nachtragend,

die Kinder können es immer wieder neu versuchen. Einem Huhn, das mit großer Kraft pickt, einen

Apfelschnitz hinzuhalten, kostet Überwindung, aber nach und nach entspannt man. Man lernt, man

versteht die Signale, man gewinnt Sicherheit und traut sich was. Auch wissenschaftliche Untersuchungen

zeigen, dass der Kontakt zu Tieren Stress reduziert und sich positiv auf das Immunsystem, auf die

emotionale Entwicklung und die Sozialkompetenz auswirkt. Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder

selbst entscheiden, wann sie was wagen. So erleben sie sich selbst als jemanden, der rücksichtsvoll,

verantwortungsvoll mit dem Tier in Kontakt tritt. Das geht tief unter die Haut.

S: Unsere Kaninchen sind keine Kinder-Kaninchen. Erst, wenn man es schafft, ein paar Minuten still

auf einem Strohballen zu sitzen, kommen sie und schnuppern. Die Kinder lernen also Geduld. Und

sie lernen, etwas auszuhalten, Frustrationstoleranz. Obwohl sich die kuscheligen Kaninchen nicht

streicheln lassen, gehen die Kinder zufrieden aus dem Kaninchenstall, weil das Erlebnis, dass das Kaninchen

an ihnen geschnüffelt hat, schon reicht. Diese Zufriedenheit ist schon fast ein In-Sich-Ruhen,

aber es braucht Zeit und Geduld. Wir sind kein Streichelzoo, wo man nichts tun, keine Geduld haben,

nichts aushalten muss.

V: Die Tiere sind nicht zu unserem Vergnügen da, wir tun auch etwas für sie. Auch die Kinder.

Ausmisten, füttern, Wasser geben – es ist sehr befriedigend für die Kinder, daran mitzuwirken, dass

es den Tieren gut geht. Auch motorisch ist es spannend. Es ist gar nicht so einfach, einen Rechen

zu benutzen oder die Schubkarre über eine Bohle zum Container für den Mist hochzuschieben. Das

macht einen Heidenspaß.

» Wisst ihr schon, was die Kinder am liebsten tun?

S: Viele fahren gern Schubkarre und misten. Ich hatte einen Jungen, der hatte das erste Mal in seinem

Leben eine Mistgabel in der Hand und wusste überhaupt nicht, was er damit tun sollte. Er war ganz

unglücklich. Eine Erzieherin hat ihm gesagt, stell dir vor, du würdest damit Spaghetti essen. Da hat

er es verstanden und wollte gleich den ganzen Schafstall ausmisten; ich konnte ihn gar nicht mehr

bremsen. Andere bürsten auch gern die Esel, aber viele finden die Schubkarre, die Schaufel für die

Pferdeäpfel und die Mistgabel spannend.

V: Eine spannende Herausforderung ist es auch, die schweren Wasserkanister für die Schafe zur

Wiese zu karren, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Manche suchen sich Unterstützung, arbeiten

zu zweit. Sie finden unterschiedliche Lösungen und lernen ihre Grenzen kennen.

S: Es sind überschaubare, sinnvolle Tätigkeiten, an denen sie sich ausprobieren können. Anspruchsvoller

und eher etwas für Kinder, die häufiger kommen, ist das Esel-Führen: Man muss sich fokussiert

da hinwenden, wo man hin möchte; wenn man sich umdreht, bleibt der Esel stehen, weil er das als

Stoppsignal versteht.

V: Zugleich muss man den Esel wahrnehmen, spüren, wenn er stehen bleibt und wann der Impuls

zum Weitergehen kommt. Es nutzt nichts, zu ziehen und zu zerren. Der Esel braucht seine Zeit.

» Diese Übung täte auch vielen Eltern gut.

S: Klar! Das ist Wahrnehmung, Achtsamkeit, Zeit lassen und Zeit geben. Wenn ich mit dem Esel

spazieren gehe und den nächsten Termin schon im Kopf habe, kann ich es gerade lassen, das wird

nichts. Ich brauche die innere Ruhe, um mit seinen Eigenheiten klarzukommen, dieses Im-Hier-und-

Jetzt-Sein. Die Esel bringen mir bei, mich auf das zu konzentrieren, was ich gerade tue.

V: Diese Zeit muss man auch den Kindern lassen und ihnen nichts aufzwingen. Wenn man sie lässt,

können sie ganz in einer Tätigkeit versinken. Oder es kommt ein neuer Impuls, etwas anderes zu tun,

das ist dann auch in Ordnung. Sie sollen selbst entscheiden, wo sie hinwollen.

S: Ich halte keinen Vortrag darüber, was Esel brauchen. Ich tue, was getan werden muss, und die

Kinder ahmen das nach.

V: Es geht uns weniger um Wissensvermittlung, wir sind kein Freilichtmuseum. Handlungsorientierung

bedeutet für uns echtes, sinnhaftes Tun, bei dem die Kinder mitmachen können. Das ist nicht kognitiv, sondern

es geht um das Tun und um sinnliches Erleben – das Schaf, die Wolle, sein Geruch. Das bleibt hängen.

S: Im wahrsten Sinne des Wortes!

V: Ja, das bleibt auch an den Händen hängen und in den Klamotten.

S: Die Tiere haben auf jeden Fall eine emotionale Wirkung. Es war ein Riesenunterschied, als sie

kamen. Auch vorher haben wir schon mit Kindern in der Natur gearbeitet, in der Kartoffelgruppe

zum Beispiel. Aber als die Schafe da waren, war auf einmal Leben in der Mühle. Die entwickeln eine

Faszination, das schafft eine Tomatenpflanze halt erst beim zweiten Hinschauen.

» Welche Tiere wollt Ihr denn haben?

S: Bisher sind die Tiere zu uns gekommen, wir haben sie uns nicht ausgesucht. Ein Schäfer, der mit

seiner Herde Naturschutzgebiete pflegt, wollte ein paar Schafe bei uns einstellen und merkte dann,

dass auch seine Esel im Winter besser bei uns aufgehoben wären. Die beiden ersten Hühner, Frau

Günther und Hilde, haben wir gefunden – wahrscheinlich hatte sie jemand ausgesetzt, es ging ihnen

nicht gut. Sie haben sich prächtig entwickelt und schenken uns regelmäßig Eier. Die Kaninchen hat

uns jemand gegeben, der umgezogen ist, und Pony und Pferd gehören Leuten, die schnell einen

neuen Stall brauchten. Alle Tiere haben uns gefunden. Es gibt noch Ideen…

V: Bald kommt ein Bienenstock auf die Mühleninsel, den uns eine Privatperson gesponsert hat. Ein

Unternehmen hat uns an seinem Social Day Hochbeete und einen Hühnerstall gebaut, der demnächst

bezogen wird. Auch eine Bienenblumenwiese wird bald belebt.

S: Wir sind sehr froh über die vielen Helfer, die ehrenamtlich mitmachen. Wir bekommen noch keine

Finanzierung und bestreiten alle Kosten aus den Beiträgen der Fördermitglieder, Spenden und dem

ehrenamtlichen Engagement.

V: Wir hoffen, dass viele der Familien, die an den Offenen Nachmittagen kommen oder uns bei

anderer Gelegenheit kennengelernt haben und mithelfen wollen, unser Angebot zu erweitern, jetzt

Fördermitglieder werden. Eine Familie zahlt 100 Euro im Jahr – dafür Natur und Tiere erleben, das

lohnt sich doch!

– Das Interview führte Volker Schmidt

Verena Holly

Stellvertretende Vorsitzende

Fundraising

Naturpädagogische Konzeption

Schilasmühle

Sandra Brinkmann to

Broxten

Vorstand

Betriebsführung Naturfarm

Öffentlichkeitsarbeit

Schilasmühle