Begegnung mit dem Urselbach

Im gelbbraunen Herbstlaubkleid schäumt der Urselbach über schwere Steine, sein Mäanderbett weichgezeichnet im Novemberniesel. Wir sind hergekommen, um ihn befragen, wie es ihm geht. Katja ist Geomantin, vertraut damit, die Identität eines Ortes zu erfassen und wiederzugeben. Geomantie heißt wörtlich „Weissagung der Erde“. Wie bei jemandem, den wir kennen lernen wollen, erkundigen wir uns nach dem Befinden, treten durch die Meditation in ein Zwiegespräch.

Wir meditieren, öffnen uns. Alle Erscheinungsformen der Natur, heißt es, sind Bewusstsein: Tiere, Pflanzen, aber auch Steine, Berge oder eben ein Bach. Ein Geomant ist jemand, der, an geistige Ebenen angebunden, eine feine Wahrnehmung für die Manifestationen der Erde entwickelt hat. Er kann andere Menschen darin begleiten, sich abseits ihrer rational strukturierten Realität in Bereiche zu begeben, die ihnen einen ganzheitlicheren Zugang zu anderen Bewusstseinsebenen ermöglichen. Über die eigene Erfahrung können wir die Essenz eines Ortes, einer Landschaft in uns aufnehmen. In der Geomantie verbinden sich Menschen mit diesem Bewusstsein; manche nehmen Bilder oder Gerüche wahr, andere hören Töne, Worte.

Ich rieche einen süßlichen Duft. Das Herbstlaub? Ein Rest Weichspüler in meiner Kleidung? Oder ist da etwas im Bach, was nicht hineingehört? Kühl ist es auf meiner Haut, feucht, lebendig. Der späte pralle Herbst versprüht noch Kraft, ein alter Narr, der freudig in den Winter tanzt. Vor mir schweben Blätter durch das Wasser. Ich werde ruhig. Plötzlich, blitzschnell, ein Fisch.

Ich blicke Richtung Bachquelle, schließe die Augen. Einen Sog spüre ich, rückwärts, zur Mündung hin. Ich bin eine Blockade in einem Strom. Wenn ich den Bach hinab blicke, werde ich zum Teil dieses Fließens. Ein angenehmes Gefühl, harmonisch.

Flüsse und Bäche transportieren aus Sicht der Geomantie Informationen. Genau wie die Wasseradern, denen Radiästheten mit Wünschelruten nachspüren: unterirdische Wasserläufe tief in der Erde, mit denen wir in Resonanz stehen. Über Störungen im Wohnumfeld werden wir oft darauf aufmerksam: Unwohlsein, der Eindruck von Kälte, Alpträume, starke Emotionen und anderes können Aufforderungen sein, sich sowohl den Themen eines Ortes als auch den eigenen zu stellen, um diese in Harmonie zu bringen. Für Naturwissenschaftler sind diese Einflüsse nicht messbar.

Bei einer geomantischen Untersuchung werden ein Haus oder Garten, ein Grundstück, eine Stadt oder eine Landschaft auf mögliche Störungen feinstofflich untersucht. Das Bild, das sich dabei allmählich offenbart, bietet dem geistig Forschenden die Chance, mit seiner engsten Umgebung in Kontakt zu treten, sich vertraut zu machen und zu erkennen. Die aus dieser Arbeit resultierenden Impulse können bis hin zur Umgestaltung des Wohn- und Lebensraumes reichen. Es ist, als wenn man eine alte Haut abstreifen und sein Umfeld dem neuen Bewusstsein anpassen möchte.

Katja fragt: Wie geht es dir, Urselbach? Sie bekommt diese Antwort: „Was stellst du für Fragen! Schau mich doch an, wie ich sprudelnd die Steine entlang fließe, mit Schaum zwar, aber ungebrochen in meiner Kraft. Die Menschen nehmen sich wieder mehr meiner an und schätzen es, wenn sie mich erfahren können. Und ich gebe mir große Mühe, diese Landschaft, die sich in der letzten Zeit so verändert hat, lebendig zu halten. Es fällt mir zugegebenermaßen nicht immer leicht, da ich vielerorts eingeschränkt werde und einiges aufnehmen muss, das bereinigt gehört, doch werde ich auch seit Jahren getragen von der Freude der Niederurseler Kinder, die sich hier ein Stück in der Freiheit erfahren, die ihnen zunehmend verwehrt wird. Ja, ich versuche etwas von meinem Ursprung zu erzählen, von der Weite der Landschaft und den Kräften, die dort walten. Frankfurt hat es bitter nötig, denn die Menschen sind hier noch ein Stück weiter von ihrer Natur entfernt als andernorts. Und so ist es meine Aufgabe, unermüdlich und doch immer wieder neu zu erzählen, was uns verbindet: die Freude am Leben, das Glück, hier zu sein und dieses zu erleben.“

Auch ich frage den Bach, wie es ihm geht. Hätte er Schultern, er würde sie zucken: „Wie soll es mir gehen?“, tönt sein uraltes Rauschen. „Ich fließe. Ich bin immer geflossen. Seit hunderten, ach, seit tausenden von Jahren. Mein Bett wird hier mal eingezwängt und da wieder befreit, mein Wasser auf Mühlen gelenkt, durch Abwasser verunreinigt. Ich fließe. Man baut Brücken über mich und reißt sie wieder ein. Ich fließe. Ein Baumstamm fällt um, Äste werden angeschwemmt, ich staue mich an, ich muss mit Gewalt ein Stück aus der Böschung reißen. Ich fließe weiter. Ich bin, der ich bin.“

Katja Geadah, von Haus aus Architektin, hat ihre Geomantie-Ausbildung bei Dr. Gregor Arzt 2014 abgeschlossen und arbeitet als Geomantin mit Schwerpunkt Hausuntersuchungen.

Ihre Website ist unter www.geomantie-und-gestaltung.de zu finden.