„Wir haben das Wasser in uns“

Interview mit Claudia Grah-Wittich und David Bauer

 

» Was fasziniert Euch am Wasser besonders?

Claudia: Die Qualität des Wassers in Prozessen. In Anlehnung an das, was Rudolf Steiner über die Entwicklungsstufen der Erde sagt, kann man Prozesse gliedern: Der Anfang ist chaotisch; dazu gehört das Element Feuer, sozusagen die Ursprungsenergie. Dann folgt die Luft-Phase, in der sich etwas zu entwickeln beginnt; auch das Licht gehört dazu. Die wichtige Wasser-Phase ist dann geprägt vom Durchkneten, Durcharbeiten – das, was man sieht, wenn man Bach und Bachbett betrachtet. In der Erd-Phase kommt der Prozess zum Abschluss, etwas verfestigt sich.

 » Das Wasser ist also der stete Tropfen, der den Stein höhlt?

David: Nicht nur höhlt – formt…

C: … und zwar so, dass Form, also Bachbett, und Inhalt, also Bach, übereinstimmen. Das ist richtig Arbeit – schaut euch Wirbel an: immer wieder zusammenziehen, ausbreiten, zusammenziehen, ausbreiten. Oder die Steine im Flussbett, die das Wasser über Jahre und Jahrhunderte zu weichen, runden Formen schleift.

 » Am Beispiel Pädagogik – wo ist da das Wasser?

C: Wenn wir unruhige Kinder beim Spiel beobachten, sehen wir oft, dass sie im Assoziativen hängen bleiben. Wir müssen es schaffen, dass sie in das stille, vertiefende, individualisierte Spiel kommen. Nur nach dieser Phase kann es zu einem Abschluss kommen.

D: In der Therapie kommen wir meist vom anderen Ende: Wir holen etwas aus der festen Form heraus und verflüssigen es wieder. Das gelingt am besten, wenn man Dinge anders tut, als man es gewohnt ist. Das ist eine verlässliche Methode, um an Emotionen wieder heranzukommen, die gefangen waren. Der Fluss bekommt ein neues Bett. Auch Traumata können aufsteigen. Das Strömende, die Wasserqualität bringt sie ins Erleben zurück.

» Kannst Du das an einem Beispiel aus der Praxis beschreiben?

D: Eine Patientin hat viele eher strichige Bilder gemalt. Als ich eine zusammenhängende Farbfläche mit dem Pinsel erzeugt habe, war das für die Patientin so ein emotionales Erlebnis, dass es sie zunächst überfordert hat. Sie brach in Tränen aus, lief hinaus, ich musste sie beruhigen. Aber dann war das Trauma zugänglich.

C: Du greifst mit der Therapie da ein, wo ein natürlicher Prozess nicht seinen Lauf genommen hat. Wir versuchen in der Pädagogik zu verhindern, dass dieser Lauf gehemmt wird, zum Beispiel durch Erwachsene, die kleinen Kindern Spielsachen über den Kopf hängen, damit sie sich gar nicht mehr bemühen müssen, sie zu holen.

D: Bei diesen Kindern bleibt dann etwas zu locker. Beim Trauma ist es umgekehrt: Da wird der Wirbel zum Knoten, und wir müssen ihn in der Therapie lösen. Da ist etwas in der Zeit stehen geblieben, aufgestaut, während der Rest der Biografie weitergeflossen ist.

» Und bei den Kindern kommt es vor allem darauf an, den Raum für das vertiefende Spiel zu geben?

C: Eines der Hauptprobleme in der Pädagogik ist leider, dass wir den Kindern zu wenig Zeit geben, auch in der Waldorfpädagogik. Wir sind voller Programme, wo wir doch beobachten müssten.

D: Und das heißt, wir sind zielorientiert – genau das ist das Wasser nicht. Es schaut in jedem Moment: Wo kann ich jetzt hin? Auch in der Kunst plane ich nicht genau, wo ich hin will. Denn wenn ich den Bach kanalisiere, fließt er zwar dem Ziel zu, aber nicht natürlich. Nur wenn ich ihn fließen lasse, mäandert er.

C: Die Kraft des Wassers und der Umgebung bedingen einander. Wenn da Wurzeln und Steine sind, sucht es sich einen anderen Weg.

D: Das Feste und das Flüssige begegnen sich. Den Rhythmus der Begegnung bestimmt das Wasser, indem es auf die Umgebung reagiert.

C: Die Qualität des Wassers in sozialen Prozessen ist, dass ich im Zusammenhang denke, nicht nur für meine Sache, sondern auch für die um mich herum. Das funktioniert nicht immer. Wir am hof zum Beispiel haben viel Wärme, entzünden uns schnell. Wir sind flexibel, sammeln Informationen, beleuchten Dinge von allen Seiten. Aber wenn wir an ein Thema richtig dran müssten, wird es delegiert oder vergessen, taucht nicht wieder auf… Es kommt oft nicht zum Durcharbeiten, zur Wasser-Phase. Und damit auch nicht zum Abschluss.

» Würde der Bach, wenn er könnte, geradeaus fließen?

D: Auch wenn ein Wasserstrahl in Wasser schießt und alles gleich dicht ist, bilden sich Wirbel, Schleifen, Mäander: Das macht das Wasser auch von sich aus. In der Kunsttherapie zum Beispiel wissen die Patienten an einem Punkt, ihr Bild ist fertig – woher eigentlich? Das entsteht aus sich selber, aus dem vertieften Beschäftigen.

C: Jeder Prozess ist am Anfang ohne Struktur. Nehmen wir unser Gespräch: Das Licht war nicht gut, wir haben die Lampe geholt, sie ist kaputt gegangen, wir haben sie repariert. Jetzt sitzen wir am Tisch, das Gespräch beginnt zu fließen. Dafür waren die Phasen davor aber nötig – wenn ich sie überspringe, zwischen Tür und Angel ganz schnell etwas bespreche, mich nicht erwärme, finde ich auch keinen Abschluss. Diese Phasen sind in jedem Entwicklungsprozess enthalten, ob in einer ganzen Biografie, in einer Seminarwoche oder jetzt in unserem kurzen Gespräch.

D: Wir haben das Wasser in uns. Wir sind Form gewordenes Wasser, organisiert durch unterschiedliche Rhythmen und Qualitäten. Mit Hilfe der Kunst können wir in der Therapie darauf einwirken.

C: Wasser strebt nach Harmonie, nach Ausgleich zwischen Stauen und Fließen, Expansion und Zusammenziehen. Das ist beim Trauma in die eine Richtung gestört, bei Kindern, denen das Formgebende, Eindämmende vorenthalten wird, in die andere. Dann kommt es zu Diagnosen wie ADHS und so weiter: Kinder, die nicht in diese Phase kommen, sich mit etwas zu verbinden. Sie fühlen sich nie in Harmonie mit der Umgebung, fallen entweder als sehr zurückgezogen oder als total aggressiv auf. Wenn das Kind aber vertieft spielt, ist das reine Harmonie. Wasser-Element pur.

» Wie kommt ein Kind, das diese Harmonie nicht mehr findet, wieder in sein Bachbett?

C: Das ist so verschieden, wie Menschen verschieden sind. Vielleicht muss ich mit einem Kind stundenlang zappeln, bis wir gemeinsam erschöpft zu Boden sinken. Zeit lassen ist eine Grundkomponente, beobachten, wo hat das Kind Ressourcen und Interessen. Und die Natur ist sehr hilfreich. Wasser-Kräfte sind nicht nur im Urselbach am Werk. Wenn man die Knospen der Magnolien sieht, die in maximaler Kontraktion überwintern – in dieser Umgebung kommen Kinder in den Atem, in die Bereitschaft zur Vertiefung.

D: Bei Erwachsenen ist eine Grundlage, in die Bewegung zu gehen, ins Handeln, ins Tun. Das braucht Voraussetzungen: ein schöner Raum, Ruhe, keine Vorgaben, keine Hetze. Wenn ich dann auf die Uhr schaue und merke, oh, schon eine halbe Stunde vorbei, dann war ich im guten Ausgleich zwischen Kontraktion und Expansion. Man nennt das ja auch „im Flow“, also im Fließen sein. Wenn es uns Kunsttherapeuten gelingt, die Menschen dort hinzuführen – darin liegt ganz viel Heilkraft.

C: Die schönste Stunde ist die, in der mir bei der Beobachtung des Kindes eine Idee kommt. Da bringt zum Beispiel die Mutter die kleine Liese und klagt über die Erkältungszeit. Wir singen ein Liedchen, und mir fällt auf, wie Liese sitzt: gebeugt, gekrümmt. Wie soll das Kind ohne Erkältung durch den Winter kommen? Und ich erfinde zu dem Lied, das wir immer singen, neue Bewegungen, Dehnen und Strecken und Recken. Das habe ich noch nie mit einem Kind gemacht; es entsteht im Moment. Nach solchen Stunden bin ich nicht müde oder angestrengt, weil ich selbst in diese Kreativität, dieses Durchgestalten eingestiegen bin. Das ist dann die reinigende, erfrischende, regenerierende Qualität des Wassers.

D: Umgekehrt kann es sein, dass ein Patient eine Idee nicht annehmen kann. Dann bin ich aus diesem Prozess, aus diesem Flow herausgefallen. Dann passt die Idee vielleicht später.

 » Warum fehlt uns so oft Zeit? Wir haben doch mehr davon zur Verfügung als zum Beispiel der Bauer im Mittelalter, der von morgens bis in die Nacht schuften musste, um zu überleben.

D: Die Frage ist, wie wir die Zeit gliedern, auch die Freizeit. Du kannst nicht unendlich viel in die Zeit packen. Wenn ich immer etwas Neues eröffne, kann ich Prozesse nicht zum Abschluss bringen.

C: Es braucht auch Überwindung, um in die Wasser-Phase zu kommen. Es ist einfach anstrengend. In Gemeinschaften passiert es dann oft, dass gezündelt wird, um wieder in die Wärmephase zurückzukommen.

D: Neues beginnen, Feuer anzünden, Ideen haben, das ist gut für das Selbstwertgefühl. Sie auch gegen Hindernisse umzusetzen, andere miteinzubeziehen, ist schwieriger. Ich muss bereit sein, ein Stück weit die Kontrolle aufzugeben. Das ist auch beim Flow in der Kunst so: Ich handle, aber ich kontrolliere nicht. Wenn man auf andere eingeht, wird das allerdings schnell als Schwäche ausgelegt, man gilt als jemand, der sich nicht durchsetzen kann. Etwas von sich abzugeben, ist nicht gerade die Stärke unserer Zeit.

C: Auch viele Therapien werden genau dann abgebrochen, wenn man endlich am Thema arbeitet, weil es dem Patienten zu dicht wird. Manche suchen sich dann einen neuen Therapeuten und fangen von vorn an. Sie laufen vor sich selbst davon.

D: Dann kann man den Abschluss bewusst herbeiführen, anhängen. Das passt nicht organisch zur Entwicklungsbewegung des Prozesses, aber es muss eine Abrundung geben.

C: Auch Eltern wollen manchmal im Beratungsgespräch sofort zum Thema kommen, die schnelle Lösung hören. Das funktioniert nicht. Wir wärmen an, sammeln ein, jeder berichtet über seine Perspektive, ohne schon ein Ziel zu verfolgen. Wenn dabei zum Beispiel die Beziehung der Eltern immer wieder auftaucht, können wir in der Wasser-Phase darüber sprechen, ob hier die Ursache der Problematik des Kindes liegt. Wenn die Eltern sagen, das hat damit nichts zu tun, kann ich es nicht erzwingen. Wenn es passt, fließt der Bach in dieses Bett hinein. Das ist die Wasser-Phase: Wir können Lösungen suchen und zum Abschluss finden.

 

Das Interview führte Volker Schmidt, Journalist