Wir essen die Sonne mit…


Carola Steudel (Selbstversorgerin) und Frederik Hertter leben zu einem großen Teil von dem, was ihr Garten in Niederursel und ihre Streuobstwiesen drumherum hergeben.

 

» Carola, bitte beschreibe zunächst mal, wie Ihr Euch selbst versorgt.
Was man im Garten anbauen kann, das bauen wir an, also Obst und Gemüse. Anderthalb Hektar Streuobst, das reicht für große Mengen Saft, Apfelwein, und wir lagern Äpfel ein. Wenn man das ganze Jahr vom eigenen Anbau leben möchte, ist das Konservieren fast so wichtig wie das Ernten. Wir haben einen Gefrierschrank, wir machen Salzgurken ein und Sauerkraut, wir haben Dörrgeräte zum Beispiel für Äpfel und Tomaten, wir kochen und wecken ganz klassisch ein.

» Frisches gibt’s also nur im Sommer?
Wenn man es gut organisiert, kann man den ganzen Winter Gemüse auf dem Beet stehen haben und zum Beispiel Grünkohl ernten, Feldsalat, Postelein, Zuckerhut und jede Menge anderes. Außer, wenn es Stein und Bein friert oder Schnee darauf fällt. Aber auch, wenn man ein breites Spektrum anbaut, hat man nicht alles gleichzeitig. Es ist nicht wie im Laden, wo die Zucchini neben dem Chicorée liegt; bei uns gibt’s den Chicorée im Winter, die Zucchini im Sommer. Ich verwerte das, was gerade da ist. Ich gehe in den Garten und sehe, aha, die Kohlrabi müssen weg, also gibt es Kohlrabi. Im Winter gibt es bei uns durchaus zwei- oder dreimal die Woche Grünkohl, einmal als Lasagne, einmal als Salat, einmal in der Pfanne geschmort.

» Und wenn Du exotische Zutaten brauchst?
Dann gehe ich den Laden, klar. Ich habe eine Zeit lang in Griechenland gelebt, in meiner Ernährungsweise spielen Zitronen und Olivenöl eine große Rolle. Zitronen haben wir mittlerweile selbst, das klappt erstaunlich gut. Olivenöl beziehe ich aus Kreta. Aber wir brauchen den Laden auch für Milchprodukte, für Getreide und natürlich auch für Brot.

» Ihr habt auf Euren Streuobstwiesen auch alte Apfelsorten.
Der traditionelle Streuobstanbau der vergangenen Jahrhunderte hat über 2000 Sorten hervorgebracht, das ist Kulturgut. Diese alten Sorten auf Hochstämmen sind vielfältig, robust und gesund. Auf dem Markt gibt es heute nur noch wenige moderne Sorten. Sie werden auf Plantagen angebaut, unter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, weil sie anfällig gegen viele Krankheiten sind. Plantagenobst wächst auf eigens klein gehaltenen, schwach wurzelnden Bäumchen. Die werden nicht alt, bringen aber nach wenigen Jahren schon Ertrag und haben für Erwerbsobstbauern den Vorteil, dass man keine Leitern braucht. Unser Obst wächst auf alten Bäumen. Wir pflegen diese Sorten, die sonst zu verschwinden drohen. Das ist eine Art Arche Noah, eine kleine Genbank für die Zukunft.

» Wie seid Ihr zur Selbstversorgung gekommen?
Frederik hatte mit fünf Jahren sein erstes eigenes Beet, mit 13 seinen ersten Garten und mit 18 seine erste Streuobstwiese. Das war immer sein Lebensinhalt und wird es sein Leben lang sein. Er spricht mit den Pflanzen. Ich selbst habe als Jugendliche mit Bienen angefangen und bin dann auf diesem Weg über die Obstbäume dazugestoßen.

» Was verbindest Du damit?
Ich esse sehr gerne, ich bin ein Genussmensch. Für mich sind Lebensmittel nicht nur Überlebensmittel. Wenn man so isst wie wir, isst man die Sonne mit und den Regen, aber auch die Mühsal und den Schweiß und was noch alles dazu gehört, damit man nach vielen Tagen seinen Salat auf dem Tisch stehen hat. Wenn ich ausgehe, esse ich keinen Salat. Der schmeckt mir woanders einfach nicht. Unser Obst, unser Gemüse hat vor wenigen Minuten noch gelebt, wenn wir es essen, das hat eine ganz andere Vitalität.

» Viel Aufwand für den Genuss.
Das ist die Frage: Was ist einem das wert? Wenn wir Überschüsse haben, weil gerade 20 Salate auf einmal reif sind, verschenken wir auch mal welche. Wenn wir das gewerblich tun wollten, kämen wir nicht auf einen auskömmlichen Stundenlohn. Ich habe große Hochachtung vor Menschen, die von dieser Arbeit leben. Zumal es immer wieder passiert, dass endlich etwas reif ist und der Hagel alles zerstört, bevor wir ernten können, oder der Frost fährt in die Blüte wie im vergangenen Jahr. Wir haben noch genug Äpfel für uns selbst zusammengestoppelt, aber für Obstbauern war die Jahresernte kaputt.

» Was andere Leute mit dem Wochenend-Einkauf erledigen, nimmt bei Euch viel Zeit in Anspruch.
Du kannst auch sagen, dass das unser Sportist. Statt im Wald spazieren zu gehen, gehen wir zu unseren Bäumen. Andere Leute verschwenden Zeit an den Fernseher, wir haben gar keinen. Aber es stimmt schon: Es ist auch mit viel Verzicht verbunden, Verzicht auf Urlaub zum Beispiel. Wenn man nur ein Wochenende wegfährt, kann es passieren, dass man zurückkommt und das Gepflanzte ist vertrocknet oder gefressen. Wir machen Garten, wenn andere Leute grillen, nämlich wenn das Wetter schön ist. Es ist Verpflichtung, und deshalb glaube ich nicht sehr zeitkonform. Aber es verbindet mit dem Land. Wenn man in der Erde wühlt, findet man Schätze, Scherben, Bronzen. Wir sind bis zurück zu den Kelten mit diesem Boden verbunden.

» Lohnt es sich?
Es ist anstrengend, aber es ist auch erfüllend.