Ist die Welt noch zu retten


Sonntag auf dem biologisch-dynamisch bewirtschafteten Dottenfelderhof. Die Hofläden sind geschlossen. Dennoch ist viel Leben: Ein Bauernhof macht keine Pause. Martin von Mackensen, Leiter der Landbauschule des Dottenfelderhofes, und Dr. Stephan Stockmar, Ökologe, Publizist und am hof in Niederursel engagiert, sitzen unter Bäumen auf der Gras-Insel zwischen den Gebäuden.

 

» Herr von Mackensen, ist die Welt noch zu retten?
MvM: Aber klar! Wir erleben zurzeit ein derartiges Interesse an ökologischen Zusammenhängen, an biologisch-dynamischer Landwirtschaft, dass ich da sehr zuversichtlich bin. Unsere Kurse und Führungen sind oft ausgebucht, die für Erwachsene ebenso wie für Kinder; ich werde zu Vorträgen und Diskussionen eingeladen. Immer mehr Menschen verstehen, dass wir anders mit der Natur, mit unseren Lebensgrundlagen umgehen müssen, ernähren sich bewusster. Das Denken verändert sich – das braucht seine Zeit, aber ich bin sehr optimistisch.

SS: Das strahlt auch aus. Wenn ich hier auf dem Dottenfelderhof bin, erlebe ich im Atmosphärischen einen deutlichen Unterschied zur konventionellen Umgebung. Diese positiven Lebenskräfte spüren auch andere Menschen. Sie kommen vielleicht nur, um ein paar Lebensmittel zu kaufen, aber es überträgt sich etwas.

» Geht das schnell genug, um Umweltzerstörungen noch aufhalten zu können?
MvM: Zuerst kommt immer der Wandel im Bewusstsein. Ich habe mich neulich mit einem Bekannten unterhalten, der schon lange einen Bio-Hof betreibt. Studierende hatten ihn angesprochen, weil sie gemeinsam einen Versuch in solidarischer Landwirtschaft unternehmen wollten. Er hat erst gezögert, sich dann aber darauf eingelassen und gute Erfahrungen gemacht. Er hat berichtet, wie die Studierenden nach einer Weile überlegt haben, dass sie – neben Obst und Gemüse – gern auch Eier von „ihrem“ Hof hätten. Sie haben dann ausgerechnet, wie viel Fläche dafür nötig wäre, und kamen zu dem Schluss, dass es gerade so funktionieren würde – aber bei weitem nicht mit einem täglichen Frühstücksei, sondern knapp mit einem pro Woche. So wurde ihnen ganz plastisch klar, wie wertvoll dieses Naturprodukt Ei eigentlich ist.

Solidarische Landwirtschaft funktioniert so: Eine Gruppe von Verbrauchern tut sich mit einem oder mehreren Partner-Landwirten in der Region zusammen und garantiert ihm eine Mindestabnahme für seine Ernte. Im Gegenzug dürfen sie mitreden, was wie angebaut wird, und haben Einblick in die Produktion – sie wissen, wo ihr Essen herkommt. Häufig geben sie dem Bauernhof auch ein zinsgünstiges Darlehen oder erwerben Anteile.

SS: Eine solche Entwicklung gibt es auf ganz vielen Ebenen. Zum Beispiel die Stadtgärten, das Urban Gardening. Auch das hat eine starke soziale Komponente. Und wer selbst mit der Erde arbeitet, um Salat, Tomaten, Gurken zu ziehen, lernt diese Nahrungsmittel wieder anders schätzen. Nicht nur auf der Ebene des Denkens, sondern mit allen Sinnen.

Urban Gardening ist die moderne Variante des Schrebergartens. Der erste so genannte „Schreberplatz“ entstand 1865 in Leipzig: eine Spielwiese, auf der Kinder von Fabrikarbeitern unter Betreuung eines Pädagogen spielen und turnen konnten. Erst danach kamen Gartenflächen hinzu. Später waren Kleingärten kriegswichtige Beiträge zur Versorgung der Heimatfront mit Nahrung, Notwohnraum in der Nachkriegszeit, dann Erholungsort für Senioren ebenso wie Oase für Migranten, die aus der Heimat das Werkeln auf eigener Scholle gewohnt waren.

Heute haben Kleingärtner ein Imageproblem, sie gelten – meist zu Unrecht – als Spießer. Urban Gardening klingt viel schicker. Es steht für die unterschiedlichsten gemeinschaftlichen Gartenprojekte, sei es auf asphaltierten Plätzen in aus Paletten zusammengeschraubten Hochbeeten, auf Hausdächern oder auf – manchmal am Rande der Legalität angeeigneten – Brachflächen. Naturerfahrung, Pädagogik und Nahrungsmittelversorgung spielen hier zusammen wie einst beim Schrebergarten.

» Ist Urban Gardening denn mehr als eine Mode? Auf dem Balkon die selbst gezogenen Kräuter, das Fleisch vom Discounter?
SS: Ich glaube, das geht tiefer, weil der Wunsch nach dem schöpferischen Umgang mit Erde und Pflanzen auch etwas mit unserer seelischen Entwicklung zu tun hat, sowohl kollektiv, als Gesellschaft, als auch für jeden einzelnen. Wenn wir im Garten arbeiten, kümmern wir uns auch um den Garten unserer Seele. Der Garten ist ein Entwicklungsraum, in dem wir uns selbst kultivieren können. Menschheitsgeschichtlich gesehen haben viele Entwicklungen im Garten ihren Ausgangspunkt genommen. Der Garten selbst ist wie ein Bild der Seele.

Für unseren Kreislauf auf dem biologisch-dynamischen Hof brauchen wir die Wiederkäuer.

MvM: Am nachhaltigsten verankert sich das Verständnis über ökologische Zusammenhänge im Bewusstsein, wenn Kinder sie erleben. Zum Beispiel im Landbaupraktikum, wie es die Waldorfschulen im Lehrplan haben, oder im Schulbauernhof. Kinder, die im Stall helfen oder auf dem Feld Karotten ernten, haben einen anderen Blick auf Milch und Gemüse. Und auch das nimmt immer mehr zu. Vor der Industrialisierung wusste die Mehrheit der Menschen ganz selbstverständlich aus eigener Erfahrung, wie hart die Arbeit auf dem Feld, im Stall, im Garten ist.

SS: Es wäre aber ein Missverständnis, die Vergangenheit zu idealisieren. Die Wahrnehmung der Natur war immer im Wandel. Der Wald etwa war für die Menschen im Mittelalter ein gefährlicher Ort, dort hausten Untiere – man denke nur an den Wolf aus den Märchen, der uns bis heute tief im kollektiven Gedächtnis sitzt. Er steht für die ungezähmte, bedrohliche Natur. Die Bauern trotzten ihre Felder diesem bösen Gegner ab. Das war also keineswegs immer ein harmonisches, friedliches Verhältnis. Kultur und Natur waren Gegensätze. Heute gibt es bei uns praktisch nur noch Kulturlandschaft. Der klassische Naturschutz, der Natur in Reservaten konservieren will, ist gescheitert. Der Mensch braucht ein neues Wahrnehmungs- und Erfahrungsverhältnis zur Natur. Eine Landwirtschaft, die sich als Teil eines Organismus begreift, übernimmt wie selbstverständlich auch eine pflegerische Verantwortung für die Natur.

MvM: Wir arbeiten für die Zukunft, gerade in der Züchtung. Alte Getreidesorten wie Einkorn oder Emmer haben zwar Nischen auf dem Markt, weil sie die Nostalgie ansprechen. Aber seit sie angebaut wurden, haben sich die Böden verändert, das Klima hat sich verändert, wie überhaupt die Bedingungen für die Landwirtschaft. Damit müssen Bauern umgehen. Wenn wir Pflanzen züchten, zielen wir nicht auf die Anbaubedingungen, die wir jetzt haben, sondern auf die in einigen Jahren. Wir müssen die Erderwärmung und ihre Folgen für das Klima bei uns schon jetzt berücksichtigen.

Erderhitzung, Treibhauseffekt, Klimawandel: Für Bauern ist es längst Alltag, sich auf häufigere Wetterextreme, trockenere Sommer, veränderte Reifezeiten oder auch auf neue Schädlinge einzustellen. In jetzt wieder unfruchtbaren Mittelgebirgslagen könnte Ackerbau möglich werden, der Weinbau nach Norden vorrücken, Hirse in Deutschland wachsen. Die Pilzkrankheit Apfelschorf macht Obstbauern schon jetzt große Sorgen. Selbst wenn es gelingen sollte, den Ausstoß an klimaschädlichen Gasen deutlich zu senken, wird sich die Erderwärmung allenfalls noch begrenzen lassen.

» Müssen wir unsere Lebensweise, unsere Ernährung radikal verändern, um die Umwelt zu erhalten?
MvM: Wenn das Bewusstsein sich ändert, die Wahrnehmung, dann werden wir auch unsere Lebensweise ändern.

» … und werden über Nacht alle zu Vegetariern?
MvM: Es gibt gute Gründe, wenig oder kein Fleisch zu essen. Für viele Menschen ist es auch eine ethische Entscheidung. Aber für unseren Kreislauf auf dem biologisch-dynamischen Hof brauchen wir die Wiederkäuer. Sie fressen Pflanzen wie Klee, Luzerne, Gras und Kräuter, die wir Menschen nicht verdauen können, die aber für die Fruchtfolge wichtig sind, und sie liefern uns wertvollen Dünger – helfen also gleich doppelt, den Boden fruchtbar zu halten. Sie geben Milch, aus der wir Käse, Butter und Quark herstellen können, und wir können auch ihr Fleisch essen. Damit haben sie eine ganz wichtige Rolle in einer nachhaltigen Landwirtschaft – ganz anders als etwa die Massenproduktion von Schweinefleisch.

Wenn dort eine achhaltige Landwirtschaft entsteht, die Lebensmittel für die Menschen erzeugt statt Futter für unser Vieh, dann werden alle satt.

Die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die auf eine Reihe von Vorträgen Rudolf Steiners zurückgeht, strebt einen möglichst geschlossenen Kreislauf im Betrieb an. Das Futter für Vieh wird selbst angebaut, die Tiere liefern den Dünger für die Felder. Also müssen die Anbauflächen und Zahl der gehaltenen Tiere im Gleichgewicht sein. Wichtig ist dabei das Prinzip der Betriebsindividualität: Jeder Hof wird individuell gemäß der Standortbedingungen, Landschaft, Tieren und Menschen gestaltet. Und weil die landwirtschaftschaftliche Produktion nur in Verbindung mit dem Gleichgewicht der Naturkräfte gelingt, kümmern sich so arbeitende Landwirte um die Artenvielfalt auf ihren Flächen. Kritiker der ökologischen Landwirtschaft behaupten, sie sei ein Luxus für wohlhabende Länder. Die Welt lasse sich gar nicht ohne Pestizide, Kunstdünger und Gentech ernähren.

MvM: Im Gegenteil: In vielen Regionen der Welt ist gar keine industrialisierte Landwirtschaft möglich, sei es wegen Trockenheit oder Starkregen mit Überflutungen, sei es wegen ungünstiger geographischer Lagen. Dort geht ohnehin nur eine kleinbäuerliche, arbeitsintensive Landwirtschaft – und die
funktioniert ökologisch besser und gibt den Menschen Arbeit. Es gilt der Satz von Felix zu Löwenstein: „Wir werden uns ökologisch ernähren oder gar nicht mehr“. Und es ist ja längst bekannt, dass wir genug Lebensmittel haben, die ungerecht verteilt sind. Wir in Mitteleuropa werfen 30 Prozent der Lebensmittel weg. Dafür, dass wir billiges Schweinefleisch in Massen haben und Kühe, die das Doppelteder normalen Milchmenge geben, wird anderswo auf der Welt ein irrsinniger Raubbau betrieben. Wenn dort eine nachhaltige Landwirtschaft entsteht, die Lebensmittel für die Menschen erzeugt statt
Futter für unser Vieh, dann werden alle satt.

» Wenn ich bewusst konsumieren will, stehe ich ständig vor Entscheidungen: Äpfel aus der Region, die im Winter nur mit hohem Energieaufwand konserviert werden können, oder aus Neuseeland? Wasser aus der Glasflasche, die beim Transport wegen ihres Gewichts einen hohen Ausstoß an Klimagasen verursacht, oder Wasser aus der Plastikflasche mit den Weichmachern? Wer soll da durchblicken?
MvM: Es wird über den Kopf, über den Intellekt allein nie funktionieren. Wer ein Gefühl für Lebensmittel entwickelt hat, spürt, was richtig ist. Bei uns in Deutschland zum Beispiel kann man wunderbar Leitungswasser trinken, und für die Jahreszeit, in der heimische Äpfel nicht mehr sinnvoll zu lagern sind, gibt es getrocknete Apfelringe oder Kompott. Aber das müssen wir fühlen, nicht nur denken.