Wieviel Freiheit braucht das kleine Kind?

Ein Interview mit Brigitte Huisinga (Pikler-Dozentin, Sozialarbeiterin) und Monika Schreil (Dipl. Sozialarbeiterin) geführt von Volker Schmidt

 

Lasst uns bei uns Erwachsenen anfangen – wie frei fühlt Ihr Euch?
» Brigitte: Ich habe immer viel Freiheit gehabt, auch beruflich.

» Monika: Ich habe schulpflichtige Kinder, da gibt es viele von außen gesetzte Termine. Ich kann nicht irgendwann aufstehen, ich muss zum Sportverein – ich erlebe mich oft unter äußerem Druck.

» Brigitte: Freiheit heißt doch nicht, dass ich tun und lassen kann, was ich will! Ich musste als Zehnjährige bei einer Erholungskur Tomatensuppe essen, die ich nicht mochte. Dann habe ich mir gesagt, „die Gedanken sind frei“ – das Lied haben wir da immer gesungen – und konnte sie mir hineinzwängen, denn was ich mir dabei denke, ist meine Sache. Das ist für mich ein Begriff von Freiheit: Freiheit im Denken. Dass Kinder lernen, nicht in Klischees zu denken, dass sie Gedanken zusammenbringen. Für die Erziehung ist die Frage: Was kann ich dafür
bei kleinen Kindern schon veranlagen?

» Monika: Die Mütter, die mit ihren Kindern in die offenen Gruppen kommen, erwarten oft eine Art Programm. Dabei stelle ich eigentlich nur einen schönen Raum und Bewegungsmaterial und eine bestimmte Atmosphäre zur Verfügung. Das „Programm“ besteht darin, das eigene Kind so wahrzunehmen, wie es gerade ist, wie es sich bewegt, wie es spielt, und sich daran zu freuen. Es dauert oft ein bisschen, bis bei den Müttern ankommt: Ich habe jetzt Zeit – mit dem Kind, für das Kind, zusammen.

» Brigitte: Wo braucht das Kind Freiheit, wo braucht es Beziehung? Wenn es auf der einen Seite Geborgenheit, Kontakt, Bindung hat, kann es auf der anderen Seite frei sein, sich selbständig zu betätigen. Wir lassen ein kleines Kind nicht an einer steilen Treppe spielen, wir müssen es schützen. Freiheit endet immer da, wo es für andere oder für das Kind selbst gefährlich wird.

» Monika: Es gibt eine falsch verstandene Freiheit, die sich angeblich „nur am Bedürfnis des Kindes“ orientiert. Das bedeutet zum Beispiel, dass ein Kind im Winter ohne Mütze rausgeht, weil es keine aufsetzen will. Aus meiner Sicht ist es auch Aufgabe der Eltern zu sagen: Ich weiß, dass Du krank wirst ohne Mütze, und ich will das nicht. Ich glaube, das Kind braucht viel Führung, Kontakt, Halt, Bindung, Orientierung und Rhythmus, gerade damit es später frei wird.

 

Was ist richtig verstandene Freiheit?
» Brigitte: Zum Beispiel lernt das kleine Kind die gesamte Bewegung aus sich selbst heraus, das können wir ihm nicht beibringen. Die Kinder müssen die Freiheit haben, das so zu üben, wie es aus ihrem Körper heraus kommt. Wenn wir es forcieren, entsteht im Kind ein Gefühl von Nicht-Genügen, weil es etwas tun muss, was es noch nicht kann. Es handelt dann nicht mehr in Freiheit, sondern weil es den Erwachsenen gefallen will. Auch im Spiel: Wenn ein Kind nach seinem eigenen System Bausteine farblich sortiert, und ich schreibe etwas vor, schränkt das eine wichtige Freiheit ein.

» Monika: Wir greifen im Alltag viel zu oft ein, weil wir sagen können wollen, das Kind hat so einen tollen Turm gebaut oder das Kind läuft schon. Freiheit hat mit Zeit zu tun – sogar mit Langeweile: Habe ich überhaupt die Zeit, etwas Neues zu erfinden? Später will man kreative Erwachsene, aber das Kind bekommt ständig gezeigt, wo es langgeht. Früher spielten Kinder unkontrolliert irgendwo draußen. Heute will man möglichst früh möglichst viel für die Kinder tun – auch, weil sie nach einem Jahr oft schon in einer Krippe sind. In diesem ersten Jahr ist der Druck groß.

» Brigitte: Auch Medien verbreiten Anforderungen an Eltern, die diesen Druck erhöhen. Werden meine Kinder schlau genug, schnell genug? Daher kommt der Wunsch nach Programm.

 

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Umgang mit den kleinen Kindern dazu, wie frei sie als Erwachsene im Denken sind?
» Brigitte: Mit etwa drei Jahren entdecken Kinder stärker ihren eigenen Willen, wollen ihre eigenen Wege gehen. Vielleicht möchte das Kind unbedingt bestimmte Schuhe anziehen. Wenn das Sandalen im Schnee sind, geht es nicht, aber wenn sie nur ein bisschen unpassend für den Anlass sind, kann man ihm diese Entscheidung lassen und hinnehmen, dass andere Erwachsene vielleicht schief gucken. Das Kind soll nicht die Wahlfreiheit für alles haben, aber wenn es einen Wunsch äußert, gegen den nichts spricht, soll es seinen Willen haben dürfen. Wie schaffe ich es als Erwachsener, dem Kind den Raum zu geben, den es braucht?

» Monika: Es ist schon mal gut, wenn man die eigenen Muster kennt und merkt, oh, ich halte gerade die Predigt, die ich als Kind von meinen Eltern gehört habe. Dann kann man aus der Situation herausgehen und mal bis 20 zählen. Es hilft auch vorauszudenken. Konflikte entstehen oft an Übergängen, wenn man morgens früh los muss zum Beispiel. Wenn man einfach zehn Minuten mehr einplant, reicht die Zeit auch wenn einer noch aufs Klo muss und der andere seinen Flötenbeutel sucht. Das schaffe ich aber auch nicht immer. Damit sind wir bei einer ganz zentralen Erkenntnis: Erziehung ist zum allergrößten Teil Selbsterziehung.