„Erziehung zur Freiheit“


Berthold Breig unterrichtet Musik und Französisch an der Freien Waldorfschule Frankfurt, leitet das Oberstufenorchester und spielt Nasenflöte.

 

» Ein Leitsatz der Waldorfpädagogik ist „Erziehung zur Freiheit“ – was ist damit gemeint?
Dass Erziehung eine Eigenaktivität des Kindes ist. Es gibt Pädagogen, die sich als Töpfer sehen: Das Kind ist der Ton, sie formen es. Ich finde dieses Bild schockierend. Ton ist eine tote Masse, aus der nur entstehen kann, was der Töpfer sich ausgedacht hat. Wenn das unser Erziehungsideal ist, sehe ich schwarz: Wir sind darauf angewiesen, dass Kinder in der Zukunft Dinge denken und tun, die wir uns heute noch nicht einmal vorstellen können.

» Dagegen steht die antiautoritäre Erziehung,die völlige Freiheit lässt.
Sie vernachlässigt, dass wir in eine Kultur hineinwachsen. Verlässliche, zugleich freilassende Beziehungen ermöglichen Pädagogik erst. Man kann sich allerdings fragen, wie sinnvoll das System „Schule“ unter dem Gesichtspunkt der Freiheit ist. Der 45-Minuten-Takt der Schulstunden zum Beispiel muss nicht immer der Weisheit letzter Schluss sein.

» Wie erzieht man denn zur Freiheit?
Wichtig ist, dass ich die richtigen Fragen stelle. Nämlich nicht: Was für ein Mensch soll dabei herauskommen? Auch die Forderungen der Ökonomie führen oft
zu den falschen Fragen. Die einzig wichtige Frage ist: Was kann ich an Inhalten bieten, damit die Kinder sich daran entwickeln können? Denn sie entwickeln sich selbst, nicht der Lehrer entwickelt sie.

» Hilft da der Begriff der Kompetenz, der in der Pädagogik so en vogue ist?
Es gibt das Aperçu, Lehren nur nach Kompetenz sei wie Kochen ohne Zutaten. Ich muss als Lehrer überzeugt davon sein, dass die Inhalte, die ich vermittle, die Schülerinnen und Schüler mit unserer Kultur inVerbindung bringen, und nicht beliebiges Übungsmaterial für Kompetenzen sind.

» Im Orchester spielen Sie auch nicht immer nur Beethoven, Brahms und Bach.
Aber wenn es keine gute Musik ist, trägt sie die Arbeit nicht lange. Seichte Musik – ob Klassik oder Pop – trägt nicht über ein halbes Jahr. Man kann
auch Stücke auswählen, die ein bisschen hoch gegriffen sind, an denen die Schülerinnen und Schüler aber wichtige Erlebnisse haben können.

» Also nicht Kanon, aber Qualität. Nicht immer Goethe, aber auch kein Schund?
Es muss Literatur sein, die man lesen wollen kann. Ich lerne doch lesen, um mir einen Schatz an Literatur zu erschließen. Da muss Lust entstehen.

» Wie erreicht man das?
Ein wichtiges Element in der Waldorfschule sind die Epochen. Freiheit entsteht dort, wo der Schüler sich in seinem Erleben mit etwas verbinden und
selbst am Stoff aktiv werden kann. Wenn man sich über mehrere Wochen intensiv Tag für Tag mit einem Gegenstand befasst, kann man ganz anders
eintauchen als in einem Fach, das einem jede Woche mal für eine Doppelstunde begegnet. Auch der lehrbuchfreie Unterricht ist ganz entscheidend,
weil jede Klasse individuell ist. Das ist ein großes Freiheitselement, wie wir überhaupt insgesamt sehr selbstbestimmt in der Unterrichtsgestaltung sind. Das überträgt sich auch auf die Schüler.

» Die musischen Fächer oder die Eurythmie haben Sie jetzt gar nicht genannt.
Weil sie für mich so selbstverständlich sind. Freiheit bedeutet, sich selbst so vielseitig wie möglich zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass die musischen und die handwerklichen Fächer dazugehören. Gerade in diesen Fächern werden wichtige Persönlichkeitsfacetten entwickelt – genauso, wie das Denkvermögen und das Verstehen unserer Kultur dazugehört.

» Wie wichtig ist Disziplin, um den Unterricht zu ermöglichen?
Die Waldorfpädagogik wirkt durch Inhalte, und die Inhalte müssen wirken können. Dafür braucht es einen bestimmten Rahmen, den ich als Lehrer in einem
gewissen Maße herstellen muss. Aber das darf kein Selbstzweck sein. Die Schüler müssen erleben, das sich Disziplin lohnt, weil sie etwas möglich macht. Das
verstehen die Klassen auch und beklagen sich, wenn keine Ordnung herrscht.

» Wie gestaltet der Lehrer diese Ordnung?
So, dass es zu ihm oder ihr passt. Die Schüler müssen den Lehrer als authentische Person erleben. Ich habe vor kurzem ein Buch weggeschmissen, das jeder
Lehramtsstudent kennt: „Techniken des Lehrerverhaltens“. Da wird beschrieben, wie man stehen soll, welche Gesten man machen soll – mir hat es nie geholfen. „Techniken“ führen weg von authentischer Kommunikation.

» Wie viel Nähe darf sein, wie viel Distanz muss sein?
Ich muss Schülern die Freiheit lassen, sich so zu zeigen, wie sie sich zeigen wollen. Viele Schüler setzen morgens am Tor ihr Schulgesicht auf – das ist ihr Recht. Wenn wir zum Beispiel Kunst interpretieren, hat das immer mit unserem eigenen Erleben zu tun. Aber der Austausch muss freilassend bleiben je nachdem, wie viel von seinem Innenleben der Schüler mitteilen will.

» Wie viel Freiheit lassen die Schüler denn untereinander?
Ich erlebe die meisten Schüler als offen und konziliant untereinander. Ich kann als Lehrer die Gesprächskultur fördern, und zwar am Unterrichtsstoff. Die gemeinsame Gedankenbewegung an einem Gegenstand ist ein sehr gemeinschaftsbildender Prozess.

» Ist die Waldorfschule ein Schutzraum gegen das so genannte richtige Leben?
Die Waldorfpädagogik ist gut dazu geeignet, dass ein junger Mensch sich so entwickelt, dass er in jeder Lebenssituation gut zurechtkommen wird. Beispiel Computerunterricht: Man sollte verstehen, wie der Computer grundsätzlich funktioniert – aber ein Programm anzuwenden, lernt man sehr schnell, wenn man es für ein bestimmtes Ziel braucht. Das Smartphone dagegen schränkt unsere Freiheit ein, denn es zwingt uns seine Funktionsweise auf. Es gehört ein hohes Maß an zuvor errungener Freiheit dazu, es genau als das Werkzeug zu benutzen, das ich gerade brauche. Auch dass jeder Moment fotografiert, gefilmt und veröffentlicht werden kann, gepaart mit einem kompromisslosen ästhetischen Imperativ, ist ein großer Unfreiheitsfaktor, dem die Jugendlichen heute
ausgesetzt sind.

» Da sind wir nahe am Thema Sucht. Warum kommen gerade junge Menschen so oft in Versuchung, ihre Freiheit an Suchtmitteln, an Drogen zum Beispiel, aufzugeben?
Jugendliche sind in einer Such- und Ausprobierbewegung. Auch wenn man im Kopf weiß, dass etwas nicht gut ist, muss man es trotzdem ausprobieren, um den Horizont des eigenen Lebens zu testen. Sucht ist aber ein schwacher Ersatz für eine Horizonterweiterung. Diese findet überall dort statt, wo man seine eigene Wirksamkeit vergrößert, seine Fähigkeiten schult, seine Gedanken erweitert. Sport, Kunst, das Pflegen ganz realer Kontakte, das bringt einen jungen Menschen weiter.

» Aber die virtuelle Horizonterweiterung ist so bequem – ist Freiheit anstrengend?
Wir müssen die Erfahrung gemacht haben, dass es sich lohnt. Deshalb ist das Üben so wichtig: Ich kann etwas nicht, ich übe es, dann kann ich es. Das stärkt
die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen, dass man sich immer weiter bilden kann.

» Das heißt, die Übung trägt den Lohn in sich?
Die übende Tätigkeit sollte auch in sich sinnvoll erscheinen. Wenn ich ein Instrument nur spiele, um in ferner Zukunft ein Ergebnis zu haben, ist das eine sehr undankbare Sache. Als meine Tochter mit der Geige angefangen hat, habe ich mitgeübt. Das klingt noch nicht schön, aber allein das Streichen, das Zum-Schwingen-Bringen einer Seite, ist eine erfüllende Tätigkeit.