Das Lied von der Freiheit

Es war 1815, Europa wehrte sich gegen Napoleons Eroberungskriege, als Max von Schenkendorf dichtete:

Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt,
Komm’ mit deinem Scheine,
Süßes Engelbild.

Die Freiheit, die er meinte, war die politische. Jene „liberté“, die sich einige Jahre zuvor Frankreichs Revolutionäre neben „egalité“ und „fraternité“ auf die Trikolore geschrieben hatten, während man sich in Deutschland immerhin zu „Die Gedanken sind frei“ durchrang. Es ging um Widerstand gegen Fremdherrschaft und Fürstenwillkür, gegen korrupte Kleriker und gewalttätige Despoten. Da hatte die Sehnsucht nach Freiheit visionäre Züge: ein Engelbild.

Aber reicht es, diese finsteren Gestalten loszuwerden, damit Freiheit herrscht? Anarchisten antworten: Freiheit herrscht nicht. Aber in der Herrschaftslosigkeit wächst das Recht des Stärkeren: „Die Freiheit der Wölfe ist der Tod der Lämmer.“ Um das zu verhindern, braucht auch Freiheit Regeln; so entsteht Ethik. „Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“, lautet die Goldene, weil grundlegende Regel in volkstümlicher Fassung. Oder mit Oliver Wendell Holmes: „Das Recht, meine Faust zu schwingen, endet, wo die Nase des anderen Mannes beginnt.“ Wenn es doch so einfach wäre.

Als „Freiheit, die ich meine“ im Druck erschien, waren die Befreiungskriege gegen Napoleon ebenso vorbei wie die Aufbruchsstimmung der Französischen Revolution. Der Dreiklang von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – wie eng gehören sie zusammen? – hallte nur schwach nach. Die alten Herrscherhäuser
hatten ihre Macht zurück, Biedermeier betäubte die Lande. Freiheitslieder kamen erst zur Märzrevolution von 1848 wieder in und nach deren Scheitern schnell wieder aus der Mode: Das Lied von der Freiheit hat nicht immer Konjunktur. Als 1989 die Mauer zwischen den Deutschlands gefallen war, kam Marius Müller-Westernhagen in die Charts:

Die Kapelle, rum-ta-ta
Und der Papst war auch schon da
Und mein Nachbar vorneweg
Freiheit, Freiheit,
Ist die einzige, die fehlt.

Westernhagen war die Euphorie um den Mauerfall suspekt. War das schon die ganze Freiheit? Die Meinung sagen zu können, ohne Folter und Gefängnis
fürchten zu müssen, reisen zu können, nicht mehr eingesperrt zu sein hinter Stacheldraht: viel wert. Aber Wessi Westernhagen wusste um die Unfreiheiten
der Konsumgesellschaft, um subtilere Formen der Unterdrückung als Stasi und Schießbefehl. Auch Demagogen und Propagandisten führen gern die Freiheit
im Munde, ob es nun darum geht, Soldaten im Namen einer „freien Welt“ morden zu lassen oder nur darum, eine Zigarettenmarke zu bewerben.

Freiheit: eines jener Worte, „deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische
Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten“, schrieb der Sozialpsychologe Gustave Le Bon. Fichte fand, Philosophie sei nichts anderes als eine „Analyse des Begriffs der Freiheit“. Und für Kant war die Freiheit als einziges Recht jedem Menschen angeboren – die anderen Urrechte folgten aus ihr.

Wie frei sind wir überhaupt? Deterministen meinen, alles sei von Naturgesetzen vorherbestimmt. Seit dem Urknall laufe ein Programm ab, dessen Teile wir sind, ohne es verändern zu können. Neurobiologen messen in unseren Nervenschaltkreisen Impulse etwa für eine Bewegung, bevor der Testkandidat bewusst die Entscheidung dafür getroffen hat. „Wir sollten aufhören, von Freiheit zu reden“, findet der Neurobiologe Wolfgang Singer. Aber warum sagt er uns das, wenn wir gar nicht selbst entscheiden?

Diesseits solch abstrakter Debatten suchen wir Spielräume für innere und äußere Freiheit. Reinhard Mey stieg in den Flieger und erlebte „Über den Wolken“ die grenzenlose Freiheit von Ängsten und Sorgen. Im Buddhismus sind es die Bindungen an irdische Begierden, die es unter anderem in der Meditation zu überwinden gilt, um frei zu sein. Und Sigmund Freud spaltete den Menschen auf, damit das Ich sich des Einflusses von Es und Über-Ich erwehren kann.

Wie frei wir als Erwachsene sein können, hängt zu einem großen Teil von unserer Kindheit ab. Seit Freud versuchen Doktoren der Psyche die vor allem in den ersten Lebensjahren entstandenen Prägungen, Traumata, Komplexe und Phobien zu verstehen und zu heilen. Und Pädagogen arbeiten daran, dass solche Schäden erst gar nicht entstehen. Alexander Sutherland Neill sah die Freiheit des Kindes als Grundlage für eine freie Gesellschaft. In seiner Demokratischen Schule Summerhill bedeutete Freiheit „das zu tun, was man will, solange man niemand anderen stört“. Eines der bekanntesten Bücher über die Pädagogik Rudolf Steiners heißt „Erziehung zur Freiheit“. „Das Kind in Ehrfurcht empfangen, in Liebe erziehen und in Freiheit entlassen“, so fasste er selbst sein Prinzip zusammen. Dahinter steht ein Menschenbild, das Unfreiheiten und Einflüsse auf vielen Ebenen kennt, die es – gerade in der Phase der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – so in Einklang zu bringen gilt, dass Freiheit möglich wird. Nicht umsonst heißen Schulen, die nach seinen Vorschlägen arbeiten, meist „Freie Waldorfschule“.

Wo Angst herrscht, hat die Freiheit einen schweren Stand

Denn der Begriff Freiheit ergibt nur einen Sinn, wo ein entwickeltes Wesen sein Handeln aus eigener Einsicht bestimmen kann. Mit Steiner gesprochen: „Frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist.“ Ausdrücklich widersprach er dem „Kategorischen Imperativ“, in den Kant die Goldene Regel fasste: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Für Steiner steckte in diesem Satz der „Tod aller individuellen Antriebe des Handelns“, denn „nicht wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein, sondern was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist“.

Steiner bleibt Individualist: „Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.“ Systematisch denkende Philosophen wie Kant wollen Regeln verallgemeinern, können mit Begriffen wie Liebe und Intuition wenig anfangen – Steiner dreht das um: Wenn der Mensch frei ist und diesem freien Selbst folgt, dann ist er so entwickelt, dass er Normen und Gesetze nicht mehr braucht.

So kommen sie zusammen, die individuelle und die politische Freiheit: auf dem Weg der Erkenntnis. Es ist ein mühsamer Weg, der oft in Sackgassen führt. Ob eine „Freie Deutsche Jugend“ im Gleichschritt oder Kommunen-Bewohner, die sich rigiden Regeln unterwerfen: Die Suche nach der Freiheit kann im Gegenteil münden. 1935 bejubelten Tausende in Nürnberg beim „Parteitag der Freiheit“ den Mann, der windhundflinke, lederzähe, kruppstahlharte Kinder für seine Kriege wollte.

Wer heute „freies deutsches Volk“ in eine Suchmaschine eingibt, findet hemmungslose rassistische, homophobe, antisemitische und generell menschenfeindliche Ergüsse. Populisten und Hassprediger nutzen Ängste, Zwänge und Komplexe aus, treiben Menschen in grölenden Horden auf die Straßen oder in selbstmörderischen religiösen Wahn. Zum ersten Mal seit 1945 sitzt wieder eine offen rassistische Partei im Reichstagsgebäude. Irgendetwas ist beängstigend schiefgelaufen auf dem Weg von der Aufklärung über die Französische Revolution, Freud und Steiner bis ins 21. Jahrhundert.

Unter den Wolken
Wird’s mit der Freiheit langsam schwer
Wenn wir hier und heute
Alle wie betäubt sind

So fassen die Toten Hosen es zusammen: Wo Angst herrscht, hat die Freiheit einen schweren Stand. Das geht nicht nur die an, gegen die der Hass sich gerade
richtet, die Muslime, die Schwulen und Lesben, die „linken Zecken“ – es geht uns alle an, auch die weißen deutschen Mainstream-Heteros. Denn ohne
Freiheit gibt es keine Zukunft, jedenfalls keine, in der sich zu leben lohnte.

Unter den Wolken
Geben wir die Freiheit noch nicht her
Weil sie uns heute
Alles bedeutet
Unter den Wolken
Machen wir uns selbst ein Lichtermeer
Aus all den Träumen Schau, wie sie leuchten.

Es ist wieder Zeit für Freiheitslieder.