Vielen Dank für die Blumen

Thomas Janson und Kay Schmid unterrichten an der Freien Waldorfschule Frankfurt, Kay Schmid ist nebenbei Deutscher Vizemeister der Comedyzauberei 2011.

 

» Herr Janson, Sie haben im Deutschunterricht der 9. Klasse gerade das Thema Humor behandelt. Worum ging es da?
Thomas Janson: Jedenfalls nicht darum, dass man sich auf die Schenkel klopft und laut lacht. Wir zeigen Formen des Humors auf: Satire, Ironie, Komödie. Wo geht es in Richtung Zynismus oder Sarkasmus? Wo erkennen sich die Jugendlichen wieder, was finden sie antiquiert? Sie sind in einem kritischen Alter, wo es links und rechts steil hinuntergeht, und erleben die gesunde, ausgleichende Wirkung des Humors. Da kommt das Wort her: In der Lehre des römischen Mediziners Galen sind die „Humores“ die Körpersäfte; wenn sie im Gleichklang sind, geht es dem Menschen gut.

» Können pubertierende Teenager über sich lachen?
TJ: Schwer. Meistens eher über die anderen, das geht schnell ins Zynische.

» Sind Zynismus, Schadenfreude und Co weniger gesunde Formen?
TJ:
Auf alle Fälle. Bei Otto Bierbaums berühmtem Ausspruch „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ geht es darum, sich selber ins Leichte zu heben. Humor auf Kosten anderer zieht hinunter.

» Welche Rolle spielt Humor überhaupt im Unterricht?
Kay Schmid: Als Lehrer muss man über sich selbst lachen können, denn die Schüler erkennen Schwächen und Macken messerscharf. Und auch über die Fehler der Schüler – natürlich nur, wenn man sie nicht bloßstellt. Dazu muss man die Schüler gut kennen, weil jeder anders reagiert.

TJ: Ein Unterricht, in dem nicht wenigstens einmal gelacht wird, ist kein guter Unterricht. Lachen ist auch Ausatmen. Die Atmosphäre ist sofort eine andere, leichtere, wenn das gelingt. Aber man kann es nicht erzwingen.

» Hat sich der Humor der Schüler verändert?
TJ: Die Lieblingswitze kommen heute meistens aus dem Comedy-Bereich. Die klassischen „Hänschen sagt zum Lehrer“- Witze gibt es kaum noch. Was ist eigentlich ein guter Witz? Wenn er beleidigend ist? Wenn man die Pointe sofort ahnt? Oder wenn auch ein Moment von Nachdenklichkeit dabei ist?

KS: Guten Humor kann man unabhängig von unterschiedlichem Geschmack erkennen. Vieles von dem, was heute im Mainstream, im Fernsehen und im Internet ist, ist leider nicht
intelligent, sondern eher flach.

TJ: In der 13. Klasse habe ich einen Schüler, der in jüngeren Jahren tausende Klicks auf Youtube abgesahnt hat mit einem Video, das er damals witzig fand: Er hat in die Kamera gerülpst. Wir haben dann in der Gruppe darüber geredet, welche Art von Humor junge Menschen verstehen: Auch das Feine, die Ironie, oder nur das Gerülpse? Es wurde ein sehr interessantes Gespräch. Eine Schülerin erzählte von einem Comedian, der sich über einen Rollstuhlfahrer im Publikum lustig gemacht und damit einen Shitstorm ausgelöst hatte – der Behinderte selbst aber bedankte sich bei dem Comedian dafür, dass der ihn ins Bewusstsein genommen hat.

KS: Gibt es Themen, über die man keine Witze machen darf? Der jüdische Komiker Oliver Polak aus Berlin bringt sehr harte Pointen: „Ich habe ein Burnout – oh, darf ich das als Jude überhaupt sagen?“ Er bricht gezielt Tabus. Beim Christopher Street Day in Frankfurt sollte einmal ein rosa Hitler unter dem Motto „Sieg geil“ dabei sein. Die Kritik war so groß, dass es am Ende nicht dazu kam. Aber man muss über Hitler lachen können, sonst spielt man den Nazis in die Hände.

» Schleift es nicht das Bewusstsein dafür ab, was böse ist, wenn man über alles lacht?
KS: Das Böse ist auch lächerlich. Humor ist… naja, keine Waffe…

TJ: Entwaffnend!

KS: Genau. Wenn ich das Böse der Lächerlichkeit preisgebe, bricht es in sich zusammen. Wenn ich es überhöhe, hat es Macht über mich.

» Auch in der Schule hat es viel mit Macht zu tun, wer wen lächerlich macht.
TJ: Ich habe eine ganze Sammlung von Karikaturen von mir, die Schüler mir überreicht haben. Das ist eine Kontaktaufnahme, ein Abtasten: Kann der Lehrer darüber lachen? Aber es kommt auf den Kontext an. Bei einer denunzierenden Fotomontage in einem Sozialen Netzwerk geht es um Macht, vielleicht um Hilflosigkeit. Mit Humor hat das nichts mehr zu tun.

KS: Es kommt darauf an, ob man miteinander lachen kann, auf das Spüren, das ist jetzt kein Spaß mehr. Wenn ein Schüler Gegenstand einer witzigen Situation ist, muss der Lehrer merken, wann es schmerzt. Dann muss man einschreiten, ablenken.

TJ: Da geht es für mich stark um das Sprachempfinden: Welches Sensorium haben junge Leute dafür, was man mit einem Wort anrichten kann? Ich nehme wahr, dass dieses Gespür schwächer geworden ist.

» Der Deutschlehrer bezieht das auf die Sprache – ist es nicht eher mangelnde Empathie?
TJ: Bevor ich denke, brauche ich die Sprache. Das Sprechen ist das erste empathische Instrument.

KS: Wenn jemand gut gemacht auf der Bananenschale ausrutscht, und er tut sich nicht weh: Darüber wird man noch in100 Jahren lachen. Oft spielt Humor mit dem Status. Wenn
der Hochgestellte hinfällt, ist es lustiger, als wenn es einem kleinen Kind passiert.

» Das Internet ist voller Amateurvideos von kleinen Kindern, die manchmal sogar sehr heftig stürzen.
KS: Das ist kein Humor. Das ist Schadenfreude oder sogar Sadismus.

» Auch Tom und Jerry passieren ständig die brutalsten Dinge.
KS:
Da weiß ich aber, dass es im nächsten Moment wieder gut ist, wie bei Charlie Chaplin und Buster Keaton. Auch bei nonverbalem Humor gibt es riesige Unterschiede in der Qualität.

TJ: Ich habe so meine Zweifel, ob nicht auch die Zeichentrick-Brutalität sich auf die Sensibilität auswirkt. Als ich anno tobak zur Waldorf-Schule ging, sagten die Lehrer, solche Filme brennen sich in das Seelenleben der Kinder ein. Aber bei Tom und Jerry gibt es immerhin wie im Märchen das sinnstiftende Ende: Beide stehen wieder heil da, und Udo Jürgens singt „Vielen Dank für die Blumen“.

» Herr Schmid, Sie treten mit einer humoristischen Zaubershow auf. Magie ist etwas Mystisches, Geheimnisvolles – was hat das mit Humor zu tun?
KS: Es ist wieder eine Statusfrage: Ich kann als Zauberer etwas, was das Publikum nicht kann, ich bin der Allwissende, und die versuchen, hinter meinen Trick zu kommen. Wenn unabsichtlich etwas schiefgeht, ist die Schadenfreude groß. Einen schlechten Zauberer erkennt man daran, dass er nicht über sich lachen kann. Ich kann aber auch gezielt gespielte Missgeschicke einsetzen, um Gemeinsamkeit herzustellen und einen lustigen Abend zu haben. Wie im Unterricht: als Moment des Ausatmens, der Entspannung, um einen Wechsel in der Energie zu erzeugen.

TJ: Geht es denn nicht bei vielen Zaubershows nur noch um immer spektakulärere Tricks?

KS: Bei Zauberern wie bei Comedians, die Stadien füllen, fragt sich schon, wie gut der Humor sein kann. Kann man überhaupt mit zehntausenden Leuten über dasselbe lachen?

TJ: Es hat auch etwas Instrumentalisierendes, wenn man ein ganzes Stadion im selben Moment über den gleichen Witz zum Lachen bringt. Ich würde dafür keinen Cent bezahlen.

KS: Humortechnisch sind massentaugliche Sachen oft gut gemacht – so gut, dass man als jemand vom Fach lange vor der Pointe weiß, worauf es hinausläuft. Oft sind die Texte gar nicht witzig. Aber Comedians sprechen sie so, dass man weiß, wann man zu lachen hat. Das ist fast ein Pawlowscher Reflex. Man kann erschreckend finden, dass das so gut funktioniert.

» Angeblich haben die Deutschen ohnehin keinen Humor.
TJ: Es gibt sehr wohl Unterschiede. Ich bin oft in Amerika unterwegs. Die lachen tatsächlich über ganz andere Dinge.

KS: Durch Fernsehen und Internet vermischt sich das. Wir kennen Monty Python und Saturday Night Live. Es gibt weltweit sehr viele gute lustige Sachen: Da ist Hoffnung für den Humor.