aus dem „hof“-heft nr. 6, Januar 2014:

Die Magie der Metalle
 
Schmied Wolfgang Tapp ist der letzte der hof-Gründer, der noch hier aktiv ist. Ein Besuch zwischen Esse und Amboss.
Kling! Der Hammer fällt. Kling! Metall auf Metall. Kling! Ein  Funke fliegt. Kling! Harte Schläge biegen behutsam das Eisen über den Amboss. Aus den Boxen ertönt Klassik: Haydns Schöpfung, würdig der Werkstatt Vulkans und Wielands, der großen Schmiede aus römischer und germanischer Sage. Hier herrscht die Magie der Metalle – und eine ganz eigene Ordnung. An den Wänden Hämmer, Zangen, Zirkel, Schraubstöcke, Scheren; Werkzeuge, denen man ansieht, dass sie seit Jahren benutzt werden. Dazwischen vergilbte Zeitungsausschnitte. In einer Ecke blitzt Messing: Kunstwerke von Wolfgang Tapp, dem Herrscher über das kreative Chaos.
Wenn Tapp – abgewetzter blaugrauer Kittel, rotkarierter Schal, Pfeife – die Esse anfeuert, erglühen lange Jahre Handwerkstradition: Seit mehr als 100 Jahren wird auf diesem Hof an der
Dorf-Hauptstraße Alt Niederursel geschmiedet. Es ist die letzte alte Esse in ganz Frankfurt, die noch in Betrieb ist. Anfang der 70er Jahre aber stand die Schmiede leer, wie so viele Höfe im ehemaligen Dorf. Es gab immer weniger Hufeisen zu schmieden, Werkzeuge zu reparieren. So kam es, dass die hof-Initiative hier Wurzeln schlug: „Klaus Grah hatte die Schmiede gemietet, noch bevor klar wurde,
dass wir den Hof Alt-Niederursel 42 bekommen würden, den heutigen Kindergarten“, erzählt Tapp. Der letzte Schmied aus der Familie Hess führte ihn in das Handwerk ein. Der gebürtige Hannoveraner ist gelernter Installateur, arbeitete später bei den Wasserwerken. Aber er glaubt, dass es ein Urtrieb des Menschen ist, mit den Händen etwas zu erschaffen.
 Tapp wirft den Gasbrenner an, eine gleißend helle Flamme faucht. Er richtet sie auf ein Stück Metall. Langsam wird es orange, gelb, fast weiß. Wie die Metalle mit den sieben Planeten und diese mit den Menschentypen zusammenhängen, darüber kann er stundenlang referieren. Noch lieber vermittelt er praktische Erfahrungen. Im Frühjahr 1975 gab Tapp die ersten Kurse. „Die Teilnehmer sollen raus aus dem Kopf, rein in den Bauch“, sagt er, „dann wird so‘n Choleriker sanfter, der Phlegmatiker aktiver.“
Tapp ist seit 1949 Gewerkschaftsmitglied, gründete eine Jugendbegegnungsstätte mit. „So entstand meine Tätigkeit im sozialen Bereich“, erzählt er. Die Familie hat mich immer unterstützt im Tun am „hof“, obwohl sie auf vieles verzichten musste.
Bei den Diskutierern aus Eschersheim  – Waldorfeltern und  -schüler die meisten – kam er gut an. „Klaus Grah kam auf mich zu und fragte, ob ich nach der Runde noch ein bisschen Zeit hätte. Und dann haben wir bis vier Uhr morgens geredet“, erinnert sich Tapp. Fortan gehörte er zu jenem Kellerkreis, der schließlich den „hof“ gründete. Seine Tochter Eva war das erste Kind, das für den neuen Waldorfkindergarten angemeldet war. Doch der musste erst einmal renoviert werden. „Das war eine Ruine“, sagt Tapp heute und dreht die Gasflamme ab, „zum Glück haben die Oberstufenschüler geholfen. Manchmal haben 20, 25 Leute begeistert Balken gesäubert.“ Und gingen kreativ mit dem Material um. „Hier“, sagt Tapp und zeigt auf die Werkbank, „der Stahlrahmen war mal ein Vordach im Hof 42.“ Tapp legt das glühende Eisen auf den Amboss, schlägt mit
dem Hammer zu. Funken stieben. Mit seiner direkten Art half der Schmied, die Vorbehalte der Niederurseler Nachbarn abzubauen: „Wir waren sehr suspekt, die haben uns als eine Art Sekte gesehen. Aber ich habe dann viele Freunde unter den Bauern gefunden, weil die das eine oder andere von mir gemacht haben wollten.“
In seinen Kursen hat Tapp Stammgäste, die seit Jahren immer wieder kommen. Seine Kunstwerke stellt er in Galerien aus, verkauft sie in alle Welt. „Die sind mal mehr, mal weniger anthro-posophisch“, scherzt er.
Von himmelstrebender Poesie zu augenzwinkerndem Humor ist der Weg nicht weit bei den eisernen Skulpturen, die oft Getriebeteile oder Fleischwolf-Spiralen integrieren. Aus alten Türbändern schmiedet er grazile Frauenfiguren, aus Pflugscharen Schwerthelden.
Tapp ist Jahrgang 1935. Einen Lehrling hatte er nie, schließlich ist er selbst Autodidakt, kein Meister. Nicht mal als Installateur: Er stand an der Meisterschule mitten in einer Prüfung über Buchhaltung auf und verabschiedete sich. „Wenn ich mich ganz doll zusammennehme, schreibe ich mal auf, wie ich als Arbeiter auf den „hof“ gekommen bin, Menschen mit der gleichen Idee gefunden habe, einen Funken, einen Impuls.“  Einen Impuls, der immer neue Formen annahm: „Stillstand hatten wir auf dem „hof“ nie.“
Tapp steckt das heiße Metall in einen Eimer Wasser. Es zischt. „Viele kommen an den „hof“ zu einem Kurs oder zum Kindergarten und haben keine Ahnung, was geistig dahintersteckt“, sagt Tapp, „wenn sie sich dann damit zu beschäftigen beginnen, dann hat der „hof“ seinen Sinn in die Welt getragen.“ Dampf steigt auf.
Volker Schmidt
 

 







Die Geschichte der alten Dorfschmiede von Niederursel lässt sich bis weit in das 19. Jahrhundert zurück verfolgen. Die Tradition des alten Schmiedehandwerks setzt Wolfgang Tapp auch heute noch fort. Seit einigen Jahrzehnten ist er hier tätig und vermittelt in Kursen einen Einblick in das Schmiedehandwerk.

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